Verein Association

Poetische Schweiz

Die Gruppe «Poetische Schweiz» lädt zu Gesprächen über Gedichte ein: zum «LyrikTisch» unter AutorInnen, zum «LyrikTalk» mit DichterInnen und zur öffentlichen Lesereihe «Poetischer Diwan». Konzipiert wurde «Poetische Schweiz» von Rudolf Bussmann, Dragica Rajčić Holzner, Eva Seck, Anja Nora Schulthess und Marina Skalova. Die Projektleitung liegt bei Rudolf Bussmann und Dragica Rajčić Holzner. Die einzelnen Veranstaltungsformate werden im Folgenden detaillierter vorgestellt:


LYT Zürich

Am Lyriktisch (LYT) Zürich treffen sich monatlich Lyrikerinnen und Lyriker aus Zürich und Umgebung zum Austausch. Im Zentrum stehen Gespräche über neue Gedichte und Rückmeldungen zu eigenen Arbeiten. Dabei werden auch aktuelle Fragen rund ums Schreiben und Veröffentlichen angesprochen.

Bisherige Teilnehmerinnen waren Svenja Hermann, Johanna Lier, Elisabeth Wandeler-Deck, Anja Nora Schulthess, Ariane Sarbacher, Franziska Greising, Natalie Schmid und Dragica Rajčić Holzner. Die LYT-Treffen finden in der Buchhandlung Paranoia City in Zürich statt und stehen allen Interessierten offen. Geplant sind auch weitere LyrikTische in Bern, Basel, Biel, Luzern, Bern und Genf.

Die nächsten Termine finden Sie in der Agenda.


Der Poetische Diwan

Der «Poetische Diwan» ist eine öffentliche Lesereihe von LyrikTisch, in deren Rahmen Schweizer Lyrik den Weltliteraturen begegnet. Die Leitung der Lesereihe hat Dragica Rajčić Holzner. Präsentiert und besprochen werden Gedichte aus deutsch- und anderssprachigen Kontexten, deren Schnittpunkte Diskussion und Austausch versprechen. Im Zentrum des Abends stehen jeweils ausländische DichterInnen und ihre Bücher. Die Schweizer AutorInnen antworten auf Texte des/r jeweiligen DichterIn, der/die im Mittelpunkt steht, mit eigenen Gedichten. So soll ein Dialog über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg entstehen.Veranstaltungsort ist die Buchhandlung Paranoia City in Zürich.


LyrikTalk

«LyrikTalk» ist eine Reihe von öffentlichen Anlässen, die der Lyrik gewidmet sind. Das Projekt wird geleitet von Rudolf Bussmann. Der Projektleiter lädt eine/n LyrikerIn als Hauptgast ein. Dieser lädt seinerseits als Gesprächspartner zwei LyrikerInnen ein, deren Gedichte ihn interessieren. Die AutorInnen können aus der Schweiz oder aus dem Ausland stammen. Grundsätzlich werden AutorInnen eingeladen, die deutsch sprechen (aber aus einem anderen Sprachgebiet kommen können). In der Vorphase wählen die drei LyrikerInnen je ein Gedicht der beiden anderen aus. So kommen sechs Gedichte zusammen, die im Verlauf des Abends von den LyrikerInnen vorgelesen werden. Das anschliessende Gespräch darüber kann auch zu weiteren Themen führen, etwa zu Herausforderungen des Schreibprozesses, zur persönlichen Rezeption von Lyrik oder zu ästhetischen und übersetzungsbezogenen Fragen.

Ziel des Projekts ist es, das Verständnis für Lyrik zu fördern, sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, lyrisches Schaffen sichtbar werden zu lassen und LyrikerInnen aus der Schweiz und aus dem Ausland die Gelegenheit zu bieten, ihr Schaffen vorzustellen. Da konkrete Texte den Ausgangspunkt des Gesprächs bilden, hat dieses auch Werkstattcharakter: Man hört AutorInnen zu, wie sie auf Gedichte von anderen eingehen, wie sie generell über Lyrik sprechen und wie sie mit Reaktionen auf ihre eigenen Werke umgehen. «LyrikTalk» ist gedacht als leicht zugängliches, unterhaltsames Angebot: Es soll ein Publikum anziehen, das Gedichte liebt und gleichzeitig einen Zugang zu zeitgenössischer Lyrik sucht. Darüber hinaus soll das Format alle ansprechen, die selber Lyrik schreiben, mit moderner Lyrik vertraut sind und sich für andere Schreibweisen interessieren.

Der «LyrikTalk» wurde als Veranstaltungsformat entwickelt, das so oder abgewandelt auch von anderen Veranstaltern übernommen werden kann, mit anderen Teilnehmer-Innen und wechselnder Moderation. Gespräche mit Interessierten aus der Deutschschweiz sind im Gang. Geplant ist auch ein Export des Formats in die Romandie und ins Tessin, wo zeitgenössische französisch- resp. italienischsprachige Lyrik vorgestellt werden soll.


Unterstützung von Verlagen bei der Lyrikproduktion

Alit – Verein Literaturstiftung unterstützt Schweizer Verlage bei Lyrikpublikationen: Der Verein übernimmt einen Teil der Honorarkosten für die Lektoratsarbeit von Lyrikpublikationen. Dadurch sollen Verlage in den Genuss einer unbürokratischen und effektiven Lyrikförderung gelangen. Sie haben die Möglichkeit, entweder die Kosten eines eigenen Lektorats in Rechnung zu stellen oder die Dienste einer Lektorin aus einem Lektoratsteam in Anspruch zu nehmen, das von Alit gestellt und finanziell unterstützt wird.
Da die Grenzen von Lyrik zu Kurzprosa, visuellen Texten und Spoken Word oft fliessend sind, soll der Begriff „Lyrik“ in weitem Sinn verstanden werden.

Rahmenbedingungen:

Ein Verlag kann einmal pro Jahr einen Zuschuss beantragen.
Die Höhe der Unterstützung beträgt je nach Lektoratsaufwand zwischen CHF 800.- und 1000.-.
Die Überweisung erfolgt nach Eintreffen von Lektoratsrechnung und lektoriertem Manuskript bei der Geschäftsstelle von Alit.
Unterstützt werden in der Schweiz ansässige Verlage aus allen Sprachregionen.
Die Förderung durch Alit soll im gedruckten Werk erwähnt werden.

Gesuchseingabe:

Gesuche können jederzeit bei der Geschäftsstelle von Alit eingereicht werden. Sie sollen enthalten:
Eine Auswahl der Gedichte oder das ganze Manuskript
Ein kurzes Motivationsschreiben, das begründet, warum der Band veröffentlicht werden soll
Die Angabe darüber, ob der Verlag das Lektorat im Haus macht oder auf das Lektoratsteam von Alit zurückgreifen möchte.

 

 

Literatur Littérature

i

Unser virtuelles Journal enthält Texte, die – oft noch unfertig – zu Diskussionen anregen möchten und Reaktionen hervorrufen. Literarische Texte sind ebenso erwünscht wie das Fabulieren ins Offene. Das Journal will weiter dokumentieren, wie Texte, Geschichten entstehen, welche Gedanken einer Idee folgen, wie Autorinnen und Autoren ein einzelnes Thema fokussieren und von verschiedenen Seiten beleuchten und wie Autorinnen und Autoren schreibend aufeinander Bezug nehmen.

30/01/2021, Jens Nielsen

Jens Nielsen «Schwund»
Das «Zäsur»-Buch aus der Reihe essais agités (https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur) ist vertont worden. Jens Nielsen gehört mit seinem Text «Schwund» zu den Gewinnern der SRF-Ausschreibung «Zehn kurze Geschichten zur langen Pandemie». Aus 168 Einsendungen wurden zehn ausgewählt und als Hörspiel produziert. Auf der Website von SRF ist «Schwund» nachzuhören (https://bit.ly/3bCVWCe).

«Wo ist eigentlich

Wo ist hier alles

Diese Strasse

Diese Stadt

Ist das die richtige wo

Fragte ich mich

Und stutzte

Wie erwacht aus einem

Aber nicht im Bett

Ich stand am Strassenrand

In eleganter Kleidung

Frack

Und tadellose Schuhe

Ich hatte einen Stadtplan in der Hand

Er war ordentlich gefaltet

Aber alt und abgenutzt

Als wie von jahrelangem»

17. Oktober 2020, Michael Stauffer

Schwankende Gegenwart
von Michael Stauffer

Michael Stauffer hat seinen Beitrag für das «Zäsur»-Buch (https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur) in Sound rückübersetzt und zusammen mit Wolfgang Zwiauer, Adrien Oggier und Kevin Chesham performt. Hier auf Soundcloud ist er nachzuhören (https://soundcloud.com/life-at-the-zoo/stauffer-oggier-zwiauer-chesham-5-8-20).

«Man kann nicht voraussagen, wie sich eine Gesellschaft entwickeln und verändern wird? Man kann nicht dabei zuschauen und dann sagen, aha, deshalb? Es ist immer Zufall, was aus einer Gesellschaft wird, und Glück? Eine Gesellschaft überwindet ihren mentalen Jetlag nie. Die Gesellschaft weiss, ob es reicht, wenn es ihr gut geht mit dem, was sie tut?»

22. September 2020,

«Mag sein, dass wir uns nach der aktuellen Pandemie – beziehungsweise nach ihrer ersten Welle – besser verstehen werden. Was dieses Verstehen uns bringt, ob es uns irgendwo hinbringt, ist noch offen. Bleibt also womöglich nur das reine, folgenlose Begreifen. Es bleibt unser argwöhnischer Blick auf die neu in Gang gesetzten Menschenmassen an Seepromenaden, in Baumärkten und Bahnhöfen, auf Autobahnen. Es bleiben die unaufhaltsame Kraft der Unvernunft, der Wille zum Vergessen, die bedingungslose Hingabe an das Heute. Ja, das Heute gewinnt immer. Das Heute ist der Ort, zu dem alles hinführt – das Begreifen genauso wie die Taubheit, das Erinnern genauso wie das Vergessen. Einverstanden sein muss man damit nicht. Es zur Kenntnis zu nehmen, ist dennoch nicht das Schlechteste.»

Auszug aus: Jens Steiner: Das Heute gewinnt, in: Die Zäsur — Beobachtungen und Bedenken in Zeiten der Pandemie

*Von Jens Steiner ist eben erst ein neuer Roman erschienen: «Ameisen unterm Brennglas», Arche Verlag.

29. August 2020, Parwana Amiri

Auszug aus: Parwana Amiri: Meine Worte brechen eure Grenzen. Briefe an die Welt aus Moria

Vierzehnter Brief

Was würdest du sagen, wenn du statt der Person, die du jetzt bist, eine der über 20’000 obdachlosen Geflüchteten wärst, die im Lager Moria leben, das sich im Winter in eine Hölle und im Sommer in die Wüste Sahara verwandelt?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du dich nach tagelangen Märschen durch Berge, Wälder, Täler und Wüsten, ohne Nahrung und Wasser, in der Kälte, ohne Decken und warme Kleider, aber voller Hoffnung, Europa zu erreichen, plötzlich hinter den Gefängnismauern von Moria wiederfändest, mit deinen zerbrochenen Träumen von Schlaf an einem warmen und sicheren Ort?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du nachts frierend und ängstlich aufwachen, das Schreien deines kranken Kindes hören und deine Hilflosigkeit spüren würdest, weil du ihm nicht helfen kannst? Weil du nur um zwei Euro betteln könntest, um eine Busfahrkarte für die Fahrt ins Krankenhaus zu kaufen, damit sich nach endlosen Stunden des Wartens jemand um dein sterbendes Baby kümmert?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

(…)

Und was würdest du sagen, wenn du zuschauen müsstest, wie Mädchen ihre Körper verkaufen? Würdest du nicht auf diese Welt spucken wollen? Was würdest du sagen, wenn du länger als ein Jahr in diesem Gefängnis Moria ausharren müsstest, wobei dein einziges Verbrechen dein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz und dein Wunsch nach diesem kostbaren blauen Stempel* wäre, der dich als Geflüchtete anerkennen würde und deinen Traum wahr werden liesse?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn so einfache Dinge wie eine Heizung und Strom (den du brauchst, um dein Handy aufzuladen, damit du fünf Minuten mit deiner Familie sprechen kannst, die wissen will, ob du noch lebst oder in den Wellen den Tod gefunden hast), eine warme Decke, ein Zuhause, ein Mundvoll Nahrung, eine Tasse Tee zu unerreichbaren Wünschen würden, zu Dingen, die nur in den kühnsten Träumen zu haben wären?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn du eine Handvoll Erde von Morias Grund aufheben und spüren würdest, wie sie schwächer als Asche wird, weil jede Nacht mehr als 20’000 obdachlose Menschen ihre ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien? Nur ein Herz kann ein anderes Herz trösten; die einzige Wärmequelle für ein Herz ist ein anderes Herz.

Was wirst du also tun? Was wirst du sagen?

Schreist du deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinaus?

6. August 2020, Reto Sorg und Michel Mettler

Vorwort zur Anthologie „Dunkelkammern ‑ Geschichten vom Erscheinen und Verschwinden“
Berlin: Suhrkamp 2020

Stoffe sind das, woraus Literatur entsteht. Gestaltlos zuerst, ein bloßes Wollen, wachsen sie, werden dringlich und setzen das Schreiben in Gang. Wer Gedrucktes vor sich hat, sieht nur die Enden dieses Wollens. Dem Enden voraus geht meist ein langwieriges Suchen und Kreisen, ein Drehen und Wenden, ermüdend, anstachelnd, aufbauend, ernüchternd, begeisternd.
Die Formlosigkeit des Begriffs Stoff kommt nicht von ungefähr, denn Literatur entsteht außerhalb von Büchern in wenig linearen Entwicklungen, in den Ankleideräumen, Maulwurfsbauten, Dunkelkammern, Turm- und Nebenzimmern der Imagination. Text: Hervorgegangen aus erwogenen und verworfenen Möglichkeiten, Varianten, Fassungen. Was davon lesbar wird, verbirgt Gespräche, Träume, Lektüren, Reisen und Sprünge, Risse und Schwindel – das lange Warten und schnelle Zünden, Revision und Zurückkommen. Das Buch und sein Anschein des Fertigen blenden diese Bewegungen aus. Wer einen Roman liest oder ein Gedicht, sieht nicht den Tumult, aus dem sie entstanden sind.
Aktualitätsbezogenes Lesen will zur Kenntnis nehmen, zur Sache kommen, fragt nach Bestimmtem und Bestimmbarem. Diesen Wunsch kann Literatur nur enttäuschen. Sie behandelt keine Themen, sie wälzt Stoffe. Diese erscheinen vorbewusst, näher am Amalgam, dem Schaum, der Brühe. Noch keine Instanz hat sie aufbereitet für den auf eiliges Verständnis drängenden Blick. »Jedes Buch, das
gedruckt wurde, ist doch für den Dichter ein Grab oder etwa nicht?«, bemerkt Robert Walser, als er zunehmend verstreut in Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Auch die Stoffe von Friedrich Dürrenmatt unterlaufen die Konvention herkömmlicher Entstehungsgeschichten: »Enden ist stets willkürlich, ein Aus-der-Hand-Geben, ein Verlieren schließlich, ein Vergessen, resignierend wie jedes Vergessen. Das noch nicht Geschriebene und das Unvollendete
dagegen gehören mir.«
Da ebenso viele Begriffe vom Stoff existieren, wie es Schreibende gibt, versammelt der vorliegende Band eine bunte Vielfalt an Konzeptionen, Visionen und Chronologien des Entstehens. Siebzehn Originalbeiträge von Autorinnen und Autoren aus der Schweiz zeigen unterschiedliche
Arten, wie aus Stoffen Werke werden, Wege, die zwischen Ungeschriebenem und Geschriebenem zurückgelegt werden. Das Interesse an den Tischgottheiten, Privatsalzen und
Herdgeistern, die der Entwicklung literarischer Werke Pate stehen, entdeckt eine Dialektik von Verschwinden und Erscheinen, Erleben und Erzählen – und auch den Umstand, dass fasziniert, was schwer fassbar bleibt. So handeln die hier versammelten Texte von Obsessionen, Bildern und Phänomenen, die nicht zu greifen sind, von denen es aber kein Loskommen gibt, bis sie Form angenommen haben. Aus solcher Unruhe geht die Vielheit an Tonlagen und Schreibweisen dieses Bandes hervor, der neue und bewährte literarische Stimmen durcheinander klingen lässt.
Das Interesse an der Stofflichkeit von Literatur, an den Quellen und Reizbarkeiten, aus denen sie entspringt, steht quer zu den ökonomischen und medialen Realitäten des Literaturbetriebs – und verbindet doch alle involvierten Akteure. Von Literatur handeln, heißt, ihre Verfasstheit, ihre Hintergründe und Bedingungen reflektieren. Dazu lädt diese Sammlung ein, für einmal nicht mittels Essays oder Gesprächen, sondern in Form von Erzählungen.
Michel Mettler und Reto Sorg

13. Juli 2020, Elisabeth Wandeler-Deck

Margret Kreidl, Wien, schenkte mir eines aus ihrer Serie von Akrosticha, die immer über das Wort «Gedicht» gebaut sind. Auf dem pdf dann der handschriftliche Hinweis «Hier hätte noch ein Schulterakrostichon Platz» – wir hatten einander von unserer je wehen Schulter berichtet. Ich versuchte also ein Schulterakrostichon für Margret Kreidl, gefolgt von einem eigenen Gedichtakrostichon.

02./06./07./08.05.2019; 07.07.2020

 

silbe senf sammle häutchen zaus. samt kein.
catering sämtlich jemanden schlitzohrig rau
hummle ein. etwas jemandem. sie. abgekartet.
umsonst umgrade fragezeichen. etwas es saus.
lausch. wimpere wimmern im fleisch zu. viel
turmaus. je jemander. sieh. sst. schrapp nelk au weh
er oder was bist du gradsaus. haus. ausser.
rrrrrrr. serifenwehen schon besser so. frass milben.

gestimmte quasi gern einzig
egal
da dort drum mit
innigster empfindung
casting noch heute der schönste
husch
take gelungen takt tal die träger betasten

 

Gottlieben, 2. Mai 2019, Annette Hug

Trobairitz – eine Heldin?

Der Titel des Projekts war schnell klar: «Trobadora» steht im Titel des Romans, um den es geht. Weil die Figuren selbst viel über Literatur nachdenken, nennen sie das Buch, in dem sie vorkommen, einen «operativen Montageroman». Ich war der Meinung, dass er viel enthält, was irgendwie weitergehen könnte. Deshalb heisst das Projekt «trobadora.montage».

Geschenk einer Leserin: Taschenbuchausgabe im Luchterhand-Verlag mit eingelegtem Zeitungsartikel.

Auf dem Weg zu einer Lesung in Gottlieben waren Johanna Lier und ich mit dem fahrbaren Requisitenkasten und Stehpult unterwegs. Ein kleines Mädchen las die Beschriftung und fragte: «Was ist eine Trobadora?» Johanna erzählte von Frauen, die im Mittelalter Lieder vorsangen. Ich glaube, sie sagte auch, dass diese Frauen Männer besangen, die sie besonders schön fanden. Auf der Heimfahrt, kurz vor Mitternacht, wollten dann mehrere Männer wissen, was eine Trobadora sei. Sie fragten auf Englisch, Spanisch oder Deutsch. Auch das Publikum in Gottlieben war gesprächig. Wir diskutierten zum Beispiel über den Epos und die Frage, ob Heldinnen und Helden, die ihre Gesellschaft verbessern wollen, in der Literatur überhaupt noch denkbar sind.

Johanna Lier, auf dem Weg an die Lesung im Literaturhaus Gottlieben, am 2. Mai 2019.

Drei Frauen hatten ihre Morgner-Ausgaben zur Lesung mitgebracht. Da war eine Erstausgabe im Aufbau-Verlag, 1974, und zwei Ausgaben aus dem Luchterhand-Verlag. Ich verstand nicht recht, weshalb mir eine der Frauen ihr Exemplar unbedingt schenken wollte. War sie überzeugt, dass sie das Buch nie mehr anschauen würde, wollte es aber irgendwo aufgehoben wissen? Jedenfalls nahm ich das Buch dankend an und fand darin einen Zeitungsartikel: «Weibliche Troubadoure». Es ist die Besprechung einer Ausstellung aus dem Jahr 1983 im Landesmuseum Hannover. Der Artikel enthielt Hinweise, die ich verfolgen wollte, und so wurde mir deutlich, wie viel seit dem ersten Erscheinen von Irmtraud Morgners Roman geforscht worden ist. Zum Beispiel haben Forscherinnen der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg die Webseite «Spielfrauen des Mittelalters» erarbeitet. Da findet sich auch die historische Gestalt Beatriz de Dia, die hinter der Titelfigur von Morgners «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» steht. Zu meiner Überraschung lernte ich auch, dass der Beruf der Minnesängerin auf Deutsch eigentlich Trobairitz heisst.

Mai und Juni 2019, Annette Hug

Kein Kanon? Die Kanon? Unser Kanon?

«Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten», schreibt Sibylle Berg im Vorwort der Seite diekanon.org. Immer neue Listen und Register berühmter Männer haben uns nicht gerettet, stellt sie fest. Es müssen neue Listen her. Mit weiteren Autorinnen arbeitet sie an einem Kanon wichtiger Frauen in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft.

«Der literarische Kanon. Ein Abgesang», hiess dagegen eine Aktion von Autorinnen am Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Das Stehpult des Trobadora-Projekts, das auch eine rollende Kiste ist, spielte bei dieser Aktion eine Nebenrolle. Wir trugen eine Bestenliste aus der Zeitung «Le Monde» vor: die Männernamen im Kanon, die Frauennamen im Gleichklang. «Marguerite Duras» und «Nathalie Sarraute» ragten aus einem kakophonischen Meer von Männernamen auf. Um nicht in diesem Meer zu versinken, lasen wir danach kurze Passagen von Lieblingsautorinnen vor. Da wir kaum geprobt hatten und spontan ein Schluss für den Kanon gefunden werden musste, tauchte plötzlich ein Slogan der Klimademos auf, leicht abgewandelt: «Wem sin Kanon? Oise Kanon!»

Das passte aber nicht zum Titel, also skandierten wir: «Wem sin Kanon? Kein Kanon!»

«Oise Kanon» hätte gut zur Webseite diekanon.org gepasst. Die Gruppe, die sich an einem Stammtisch der Autorinnengruppe RAUF getroffen hatte, um die Aktion am Frauenstreik vorzubereiten, war aber folgender Meinung: Es ist weder realistisch noch wünschbar, dass sich die literarische Öffentlichkeit auf einen Korpus der relevantesten Werke einigt. Die wenigsten von uns sind nur in einer Sprache zu Hause. Wir lesen in mehreren Sprachen und können in keiner einzigen den vollen Überblick behalten. Mit empfindlichen Lücken ist immer zu rechnen. Ausserdem wackelt die klare Abgrenzung von U- und E-Literatur zu Recht. In der realen Welt der Bücher müssen wir uns immer wieder neu darüber verständigen, was relevant ist, was anregt, weiterführt oder produktiv irritiert. Fixe Listen geben eine Ordnung vor, die kaum mehr relevant ist.

Aktion «Der literarische Kanon. Ein Abgesang» am Frauenstreik vom 14. Juni 2019, Stadelhoferplatz Zürich.

An der Vorbereitungssitzung der Buchhändlerinnen der Gewerkschaft syndicom, die gemeinsam mit den Autorinnen am Frauenstreik protestierten – und bei Orell Füssli eine Protestpause einlegten –, wurde aber deutlich, dass durchaus Ordnungen existieren und zwar ganz materiell: Regale mit unterschiedlichen Beschriftungen. «Klassiker», «Unterhaltung», «Beststeller». Vielleicht sogar «Frauenliteratur». Die Buchhändlerinnen, die am Frauenstreik protestierten, würden gern anders einordnen als vorgegeben. Wenn es nach ihnen ginge, würden in den Regalen mehr Titel von Autorinnen stehen. In den Regalen und Auslagen der Buchhandlungen verwandelt sich die Sehnsucht nach Leuchttürmen, von der Sibylle Berg schreibt, in eine harte ökonomische Ordnung.

An die Verwirrung, der diese Sehnsucht entspringt, erinnerten dieses Jahr die Jurydiskussionen des Bachmannpreises. In Klagenfurt wurde deutlich, dass bei zentralen Fragen der Literaturkritik gemeinsame Begriffe und Referenzen fehlen. Zum Beispiel wenn es darum geht, zu benennen, was gute Literatur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kann oder soll. Als die Jury darüber sprach, konnte ich mich selbst bei einer inneren Kehrtwende beobachten. Hatte ich in der Vorbereitung des Frauenstreiks noch die Position «Kein Kanon!» unterstützt, wollte ich nun ausrufen: «Hinter Ilse Aichinger, Ruth Klüger und Paul Celan kann man doch nicht zurückgehen!»

Wohin diese Gedanken führen, ist mir noch nicht klar. Geht es darum, die Machtfrage offen zu stellen und zu sagen, dass «wir» – wer immer wir genau sind – den Kanon neu festlegen wollen? Sibylle Berg scheint dafür zu plädieren, wenn sie «die Kanon» wie folgt beschreibt: «Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können.» Oder gewinnt die Literatur – und die Freundlichkeit –, wenn sich die Listen generell verflüssigen und Autoritäten wackeln? War vielleicht der musikalische Zugang der beste? Der Kanon ist ein Genre unter vielen und es wird immer viele davon geben: Längere, kürzere, schönere, traurige, dumme und kluge. Schon wollte ich schreiben: Und jede singt dann ihren Lieblingskanon. Aber mindestens vier Stimmen müssen sich schon finden, sonst wird das nichts.

Stiftung Fondation

Das Ziel von alit – Verein Literaturstiftung besteht darin, eine Literaturstiftung Schweiz zu gründen, die – losgelöst vom Verein – einzelne Projekte rund um das literarische Schaffen trägt und prägt.