Verein Association

📅 09.11.2022  🕗 12:15 Uhr Literaturhaus Zürich

Sreten – Rätsel. Wendungen. Fallen.

Sreten Ugričić – ehemaliger Writer in Residence im Literaturhaus – ist zurück bei uns im Haus mit seinem neuen Essayband «Rätsel. Wendungen. Fallen.»

2013 war Sreten Ugričić als Writer in Residence am Literaturhaus zu Gast. Damals hatte er gerade aus politischen Gründen seine Stelle als Leiter der Serbischen Nationalbibliothek verloren. Mittlerweile lebt Sreten in der Schweiz, unabhängiges Denken zeichnet immer noch sein Schreiben aus. Der Band «Rätsel. Wendungen. Fallen.» (essais agités 2022, aus dem Serbischen von Andy Jelčić) versammelt eine Auswahl von Sretens Essays aus den letzten Jahrzehnten. Darin geht es um das Verhältnis von Fantasie versus Geschichte und Sprache, von Identität versus Ähnlichkeit und Differenz, von Kunst und Religion, Exil und Existenz.

Moderation: Isabelle Vonlanthen.
Lesung aus der deutschen Übersetzung: Melinda Nadj Abonji.

Mittwoch, 9. November 2022, 12:15 Uhr

Ort: Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, 8001 Zürich / 3. OG Debattierzimmer

Sprache: Das Gespräch findet auf Englisch statt.

Tickets: https://literaturhaus.ch/programm/

Webshop: https://www.essaisagites.ch/Book/762/Sreten

📅 16.11.2022  🕗 19:00 Uhr Haus der Religionen, Bern

Wagdy El Komy: Hüter der Tränen

Lesung und Gespräch mit Wagdy El Komy in Bern, Zürich und Basel. Übersetzer und Dolmetscher: Joël László (Bern und Zürich), Urs Gösken (Basel), Moderation: Anita Streule (Amnesty International CH).

Anlässlich des Writers in Prison-Day, der in Kooperation mit dem Deutschschweizer P.E.N.-Zentrum und Amnesty International stattfindet, besucht der ägyptische Schriftsteller Wagdy El Komy die Schweiz. In seinen Romanen zeigt Wagdy El Komy sich als wacher und kritischer Beobachter des ägyptischen Alltags und der überaus prekären politischen Zustände in seinem Heimatland. Er lebt zurzeit in der Schweiz, wo er in den vergangenen Jahren bereits mehrere Stipendien erhielt.

Wagdy El Komy (geb. 13. April 1980 in Giza, Ägypten) ist ein ägyptischer Schriftsteller mit anhaltendem Erfolg in der arabischen Welt. Das 2022 erschienene Buch der Mutter (daftar ummî) ist sein bislang sechster Roman. In seinen Texten spiegelt sich die ägyptische Realität in ihren vielen gegensätzlichen Facetten. Im 2014 publizierten Roman Rhythmus etwa tauchte Wagdy El Komy tief in die Unterwelten Kairos zur Zeit der Revolution ein und porträtierte neben der pulsierenden Underground-Musikszene, die unter dem Namen Mahragan international bekannt wurde, das Leben von Zuhältern, Drogendealern und Schmugglern, wobei er im Laufe seiner Recherchen sogar einmal vom sudanesischen Sicherheitsdienst festgesetzt wurde.

Wagdy El Komy hat viele Preise gewonnen, unter anderem den ersten Preis in der Kategorie Roman der „Arab Thought Foundation“ für Rhythmus sowie den Preis der Internationalen Buchmesse Kairo für seine Erzählsammlung Himmelstrassen (shawâri› al-samâ›).

Aufgewachsen in der ägyptischen Mittelschicht, nimmt er sich vor allem in seinen Erzählungen immer wieder dieser Klasse an und beschreibt mit Liebe und einem Hang zum Absurden deren immer quälendere Alltagssorgen. Sowohl sprachlich wie thematisch steht Wagdy El Komy dabei in einer Kontinuität zu den ägyptischen Klassikern des 20. Jahrhunderts, Nagib Machfus und Taufik al-Hakim, Realisten, denen das Absurde zunehmend zum notwendigen Mittel wurde, die Realität in ihrer Widersprüchlichkeit überhaupt noch erzählerisch fassbar zu machen.

Das postrevolutionäre Ägypten mit seiner repressiven Wende, seiner Hauptstadt, die langsam aber stetig in sich zusammenfällt, seiner Mittelschicht, die sich allmählich auflöst – immer wieder findet Wagdy El Komy als geistreicher Beobachter starke Bilder und Verdichtungen, die uns an enttäuschte Hoffnungen, an Momente des Widerstands oder Augenblicke des schieren Verzweifelns heranführen.

In den vergangenen Jahren war Wagdy El Komy bereits mehrfach als Stipendiat in der Villa Sträuli in Winterthur und 2021 zudem an den Solothurner Literaturtagen zu Gast. Im Moment verbringt er ein zusätzliches Jahr in der Schweiz, um an seinen Deutschkenntnissen zu arbeiten. Das Programm Weiter Schreiben unterstützt ihn, auch in der Schweiz als literarische Stimme hörbar zu werden.

Veranstaltet durch: DeutschSchweizer PEN Zentrum

Mittwoch, 16. November 2022, 19:00 Uhr

Ort:
Haus der Religionen – Dialog der Kulturen
Europaplatz 1a
3008 Bern

Webshop: https://www.essaisagites.ch/Book/761/Wagdy_el_Komy

📅 17.11.2022  🕗 19:30 Uhr Literaturhaus Zürich

Wagdy El Komy: Hüter der Tränen

Am «Writers in Prison Day» wird alljährlich verfolgter Schriftsteller*innen weltweit gedacht. Das Deutschschweizer PEN-Zentrum widmet diesen Tag dem ägyptischen Schriftsteller Wagdy El Komy. El Komy blickt auf eine lange und preisgekrönte Karriere als Autor zurück. Das 2022 erschienene «Buch der Mutter» (daftar ummî) ist sein bislang sechster Roman. In seinen Texten spiegelt sich die ägyptische Realität in all ihren gegensätzlichen Facetten. So tauchte Wagdy El Komy in seinem Roman «Rhythmus» (2014) tief in die Subkultur Kairos zur Zeit der Revolution ein und porträtierte neben der pulsierenden Underground-Musikszene, die unter dem Namen «Mahragan» international bekannt wurde, das Leben von Zuhältern, Drogendealern und Schmugglern. Aufgewachsen in der ägyptischen Mittelschicht, beschreibt Wagdy El Komy mit Liebe und einem Hang zum Absurden deren immer quälendere Alltagssorgen. Er steht dabei in einer Kontinuität mit ägyptischen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Wagdy El Komy lebt zur Zeit in der Schweiz, im Rahmen des Projekts «Weiter Schreiben Schweiz» bildet er ein Tandem mit dem Autor und Übersetzer Joël László.

Moderation: Anita Streule (Amnesty International Schweiz)

Lesung: Joël László

Büchertisch: mille et deux feuilles – Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr

Der Erlös der Veranstaltung geht an das Deutschschweizer PEN-Zentrum.

In Kooperation mit dem Deutschschweizer PEN-Zentrum und Weiter Schreiben Schweiz.

Donnerstag, 17. November 2022, 19:30 Uhr

Ort:
Literaturhaus Zürich
Limmatquai 62
8001 Zürich

Das Gespräch findet auf Englisch, Deutsch und Arabisch (mit deutscher Übersetzung) statt, die Texte werden auf Deutsch gelesen.

Tickets: https://literaturhaus.ch/programm/

Webshop: https://www.essaisagites.ch/Book/761/Wagdy_el_Komy

📅 19.11.2022  🕗 12:30 Uhr Galeriesaal des Volkshauses Basel

Wagdy El Komy: Hüter der Tränen

Jedes Jahr wird am Day of the Imprisoned Writer die Aufmerksamkeit auf Schriftsteller*innen gelenkt, die für ihre Arbeit verfolgt oder inhaftiert werden. Der Autor Wagdy El Komy kommt aus Ägypten und beschreibt seit dem Arabischen Frühling die repressiven postrevolutionären Umstände im Land. Deshalb hat ihn das DeutschSchweizer PEN-Zentrum eingeladen. Zurzeit lebt er in der Schweiz, wo er auch schon mehrfach Stipendien erhielt. El Komys Romane spielen in der Unterwelt von Kairo, erzählen von der Auflösung der ägyptischen Mittelschicht und der Widersprüchlichkeit der immer quälenderen Alltagssorgen. Mit seinem Hang zum Absurden stellt sich El Komy in eine Kontinuität mit den ägyptischen Klassikern des 20. Jahrhunderts.

Sprache: Deutsch/Arabisch

Autor: Wagdy El Komy
Moderation: Anita Streule
Lesung: Thomas Sarbacher
Übersetzung: Urs Gösken

Samstag, 19. November 2022, 12:30 Uhr

Ort:
Volkshaus Basel
Galeriesaal

Tickets: https://tickets.buchbasel.ch/?op=booking&id=1181

Webshop: https://www.essaisagites.ch/Book/761/Wagdy_el_Komy

📅 19.11.2022  🕗 20:00 Uhr Volkshaus Basel

LyrikTalk mit Michael Fehr, Jurczok 1001 und Stefanie-Lahya Aukongo

Auf dem Festival BuchBasel sprechen im Format LyrikTalk der Berner Schriftsteller und Musiker Michael Fehr, der Spoken-Word-Künstler Jurczok 1001 und die Berliner Poetin Stefanie-Lahya Aukongo zusammen mit Rudolf Bussmann über Lyrik und Spoken Word. Sie wählen vorab je einen Text der zwei anderen Lyriker*innen aus und bringen diese Texte mit zum Gespräch. Die sechs Gedichte bilden den Ausgangspunkt für die Diskussion. Wer geht wie mit Sprache um? Im gegenseitigen Austausch geben die Autor*innen Einblicke in ihre Arbeit mit Sprache und Musik. Das Gespräch wird von Kurzauftritten und Performances gerahmt.
Moderation: Rudolf Bussmann

Samstag, 19. November 2022, 20:00 Uhr

Volkshaus Basel
Galeriesaal
Rebgasse 12-14
4058 Basel

Tickets: https://tickets.buchbasel.ch/?op=booking&id=1198

📅 08.12.2022  🕗 20:00 Uhr Literaturhaus Zürich

Weltenliteratur mit Vića Mitrović und Suzan Samanci

Weltenliteratur mit Vića Mitrović und Suzan Samanci

Moderation: Dragica Rajčić Holzner und Yusuf Yeşilöz

Donnerstag, 8. Dezember 2022, 20:00 Uhr

Vića Mitrović ist Politologe, Mitglied des Stadtparlaments in St. Gallen und Übersetzer. Er wurde 1961 in Homolje (Podhomolje, Ostserbien) geboren. 1986 beendete er sein Studium an der Fakultät für Politikwissenschaften in Belgrad. Als Gewerkschafter beschäftigte er sich sehr lange mit der Situation von Migranten.
Bisher veröffentlichte er fünf Bücher: «Rusalka, eine Frau in Trance», neue Ausgabe: «Ein Hauch der Magie», einen Roman-Essay über das Leben in der Fremde und in den europäischen Kerkern, «Die Liebe aller Lieben» (Lebensgeschichten von Menschen aus dem Balkanraum in der Diaspora), als Sammler wirkte er bei der Herausgabe von Kinderliedern und Erzählungen für Kinder der Walachen/Vlachen mit.
«Weshalb Männer weinen» ist eine ergreifende Geschichte über zwei Feinde, die sich durch das Zielfernrohr den Weg zur Selbsterkenntnis bahnen und im Laufe der Zeit und bei scheinbar zufälligen Begegnungen eine Beziehung aufbauen, wie sie nur das Leben selbst inszenieren kann. «Himmlische Magie der Vlachs, ein Männerroman über Vlach-Magie».

Suzan Samanci wurde 1962 in Amed (Diyarbekir) geboren, sie lebt seit 2008 in Genf. Sie schreibt auf Kurdisch, Yusuf Yesilöz war ihr erster Verleger in der Schweiz. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Essays. Mit ihrer reichen Bildsprache überzeugte sie schon eine breite Leserschaft. Ihre Bücher wurden auch auf Deutsch und in andere Sprachen übersetzt und sie erhielt wichtige Preise. Sie beschreibt auf sehr einfühlsame Weise den kurdischen Alltag, dabei werden auch menschenrechtliche Probleme und Frauenthemen angesprochen. Seit sie in der Schweiz wohnt, hat sie das Ankommen in einem neuen Land gekonnt zu einem literarischen Thema gemacht.

Die Übersetzerin Rozan Kayra lebt in Luzern.

Sprache: Deutsch/Kurdisch mit deutscher Übersetzung (Rozan Kayra)

Tickets: https://literaturhaus.ch/programm/

📅 14.12.2022  🕗 18:00 Uhr Werktag, Bern

Firas Shamsan: One Way Ticket

Ein junger Aktivist geht seinen Weg, der ihn in Opposition zur herrschenden Ordnung bringt. Davon erzählt Firas Shamsan in seinem Lebensbericht «One Way Ticket – Reise ohne Rückkehr». In jungen Jahren schon tat er sich in seiner Heimat Jemen als Sozialaktivist hervor und rief Kampagnen wie «My Life is Better without Smoking» oder «Use Your Brain for Thinking, not for Bombing» ins Leben. Dann begann er sich journalistisch zu betätigen. Er drehte Videofilme für TV-Stationen und schrieb Reportagen und Blogs, in denen er das Leben der jemenitischen Bevölkerung schilderte und nach 2014 die Verbrechen der Huthis dokumentierte, nachdem diese an die Macht gekommen waren und einen Bürgerkrieg angezettelt hatten. Dieses soziale und journalistische Engagement weckte umgehend die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte. Im Februar 2014 wurde er deshalb in Ägypten verhaftet und einen Monat lang ohne Prozess festgehalten. Firas Shamsan ging konsequent einen Weg, der ihn schliesslich zur Flucht aus seinem Heimatland zwang, in das es unter den gegebenen Umständen keine Rückkehr mehr gibt.

Mittwoch, 14. Dezember 2022, 18:00 Uhr

Ort:
Werktag
Burgunderstrasse 13A
3017 Bern

Webshop: https://www.essaisagites.ch/Book/662/Firas_Shamsan_d

Literatur Littérature

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Unser virtuelles Journal enthält Texte, die – oft noch unfertig – zu Diskussionen anregen möchten und Reaktionen hervorrufen. Literarische Texte sind ebenso erwünscht wie das Fabulieren ins Offene. Das Journal will weiter dokumentieren, wie Texte, Geschichten entstehen, welche Gedanken einer Idee folgen, wie Autorinnen und Autoren ein einzelnes Thema fokussieren und von verschiedenen Seiten beleuchten und wie Autorinnen und Autoren schreibend aufeinander Bezug nehmen.

2022/03/10,

Verluste im Krieg

 

In Charkiv

vorige Woche

sind vor russischen Bomben

nicht nur Bewohner der Stadt gefallen.

 

Unter Getöteten

waren auch

Bürger von Russland

Dostojewski und Tolstoj…

 

In Kyiw

haben russische Raketen

eigene russische Bürger

Bulgakov und Brodski

tödlich getroffen…

 

Luftangriffe auf die Ukraine

haben das Bolschoj Theater

und die Russische Akademie der Künste

verpulvert…

 

Tschajkowski und Rachmaninow,

Prokofjew und Stravinski

sind davon

für immer und ewig

taub geworden…

 

Halyna Petrosanyak.

8.03.2022.

 

 

 

2022/03/01,

 

Halyna Petrosanyak: Aus dem Zyklus „Liebesreigen“

 12.
 Rechne nicht
 mit meiner Zerbrechlichkeit,
 denn es ist
 die Brüchigkeit
 eines Steinbruches.
 Rechne nicht
 mit meiner Verletzlichkeit,
 denn es ist die Verletzlichkeit
 des Ackers.
 Verlasse dich nicht
 auf die Waffe,
 denn mich verwunden
 kann nur der,
 den ich liebe.
 Aus dem eben erschienenen Band:  „Exophonien“
30/01/2021, Jens Nielsen

Jens Nielsen «Schwund»
Das «Zäsur»-Buch aus der Reihe essais agités (https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur) ist vertont worden. Jens Nielsen gehört mit seinem Text «Schwund» zu den Gewinnern der SRF-Ausschreibung «Zehn kurze Geschichten zur langen Pandemie». Aus 168 Einsendungen wurden zehn ausgewählt und als Hörspiel produziert. Auf der Website von SRF ist «Schwund» nachzuhören (https://bit.ly/3bCVWCe).

«Wo ist eigentlich

Wo ist hier alles

Diese Strasse

Diese Stadt

Ist das die richtige wo

Fragte ich mich

Und stutzte

Wie erwacht aus einem

Aber nicht im Bett

Ich stand am Strassenrand

In eleganter Kleidung

Frack

Und tadellose Schuhe

Ich hatte einen Stadtplan in der Hand

Er war ordentlich gefaltet

Aber alt und abgenutzt

Als wie von jahrelangem»

17. Oktober 2020, Michael Stauffer

Schwankende Gegenwart
von Michael Stauffer

Michael Stauffer hat seinen Beitrag für das «Zäsur»-Buch (https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur) in Sound rückübersetzt und zusammen mit Wolfgang Zwiauer, Adrien Oggier und Kevin Chesham performt. Hier auf Soundcloud ist er nachzuhören (https://soundcloud.com/life-at-the-zoo/stauffer-oggier-zwiauer-chesham-5-8-20).

«Man kann nicht voraussagen, wie sich eine Gesellschaft entwickeln und verändern wird? Man kann nicht dabei zuschauen und dann sagen, aha, deshalb? Es ist immer Zufall, was aus einer Gesellschaft wird, und Glück? Eine Gesellschaft überwindet ihren mentalen Jetlag nie. Die Gesellschaft weiss, ob es reicht, wenn es ihr gut geht mit dem, was sie tut?»

22. September 2020,

«Mag sein, dass wir uns nach der aktuellen Pandemie – beziehungsweise nach ihrer ersten Welle – besser verstehen werden. Was dieses Verstehen uns bringt, ob es uns irgendwo hinbringt, ist noch offen. Bleibt also womöglich nur das reine, folgenlose Begreifen. Es bleibt unser argwöhnischer Blick auf die neu in Gang gesetzten Menschenmassen an Seepromenaden, in Baumärkten und Bahnhöfen, auf Autobahnen. Es bleiben die unaufhaltsame Kraft der Unvernunft, der Wille zum Vergessen, die bedingungslose Hingabe an das Heute. Ja, das Heute gewinnt immer. Das Heute ist der Ort, zu dem alles hinführt – das Begreifen genauso wie die Taubheit, das Erinnern genauso wie das Vergessen. Einverstanden sein muss man damit nicht. Es zur Kenntnis zu nehmen, ist dennoch nicht das Schlechteste.»

Auszug aus: Jens Steiner: Das Heute gewinnt, in: Die Zäsur — Beobachtungen und Bedenken in Zeiten der Pandemie

*Von Jens Steiner ist eben erst ein neuer Roman erschienen: «Ameisen unterm Brennglas», Arche Verlag.

29. August 2020, Parwana Amiri

Auszug aus: Parwana Amiri: Meine Worte brechen eure Grenzen. Briefe an die Welt aus Moria

Vierzehnter Brief

Was würdest du sagen, wenn du statt der Person, die du jetzt bist, eine der über 20’000 obdachlosen Geflüchteten wärst, die im Lager Moria leben, das sich im Winter in eine Hölle und im Sommer in die Wüste Sahara verwandelt?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du dich nach tagelangen Märschen durch Berge, Wälder, Täler und Wüsten, ohne Nahrung und Wasser, in der Kälte, ohne Decken und warme Kleider, aber voller Hoffnung, Europa zu erreichen, plötzlich hinter den Gefängnismauern von Moria wiederfändest, mit deinen zerbrochenen Träumen von Schlaf an einem warmen und sicheren Ort?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du nachts frierend und ängstlich aufwachen, das Schreien deines kranken Kindes hören und deine Hilflosigkeit spüren würdest, weil du ihm nicht helfen kannst? Weil du nur um zwei Euro betteln könntest, um eine Busfahrkarte für die Fahrt ins Krankenhaus zu kaufen, damit sich nach endlosen Stunden des Wartens jemand um dein sterbendes Baby kümmert?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

(…)

Und was würdest du sagen, wenn du zuschauen müsstest, wie Mädchen ihre Körper verkaufen? Würdest du nicht auf diese Welt spucken wollen? Was würdest du sagen, wenn du länger als ein Jahr in diesem Gefängnis Moria ausharren müsstest, wobei dein einziges Verbrechen dein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz und dein Wunsch nach diesem kostbaren blauen Stempel* wäre, der dich als Geflüchtete anerkennen würde und deinen Traum wahr werden liesse?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn so einfache Dinge wie eine Heizung und Strom (den du brauchst, um dein Handy aufzuladen, damit du fünf Minuten mit deiner Familie sprechen kannst, die wissen will, ob du noch lebst oder in den Wellen den Tod gefunden hast), eine warme Decke, ein Zuhause, ein Mundvoll Nahrung, eine Tasse Tee zu unerreichbaren Wünschen würden, zu Dingen, die nur in den kühnsten Träumen zu haben wären?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn du eine Handvoll Erde von Morias Grund aufheben und spüren würdest, wie sie schwächer als Asche wird, weil jede Nacht mehr als 20’000 obdachlose Menschen ihre ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien? Nur ein Herz kann ein anderes Herz trösten; die einzige Wärmequelle für ein Herz ist ein anderes Herz.

Was wirst du also tun? Was wirst du sagen?

Schreist du deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinaus?

6. August 2020, Reto Sorg und Michel Mettler

Vorwort zur Anthologie „Dunkelkammern ‑ Geschichten vom Erscheinen und Verschwinden“
Berlin: Suhrkamp 2020

Stoffe sind das, woraus Literatur entsteht. Gestaltlos zuerst, ein bloßes Wollen, wachsen sie, werden dringlich und setzen das Schreiben in Gang. Wer Gedrucktes vor sich hat, sieht nur die Enden dieses Wollens. Dem Enden voraus geht meist ein langwieriges Suchen und Kreisen, ein Drehen und Wenden, ermüdend, anstachelnd, aufbauend, ernüchternd, begeisternd.
Die Formlosigkeit des Begriffs Stoff kommt nicht von ungefähr, denn Literatur entsteht außerhalb von Büchern in wenig linearen Entwicklungen, in den Ankleideräumen, Maulwurfsbauten, Dunkelkammern, Turm- und Nebenzimmern der Imagination. Text: Hervorgegangen aus erwogenen und verworfenen Möglichkeiten, Varianten, Fassungen. Was davon lesbar wird, verbirgt Gespräche, Träume, Lektüren, Reisen und Sprünge, Risse und Schwindel – das lange Warten und schnelle Zünden, Revision und Zurückkommen. Das Buch und sein Anschein des Fertigen blenden diese Bewegungen aus. Wer einen Roman liest oder ein Gedicht, sieht nicht den Tumult, aus dem sie entstanden sind.
Aktualitätsbezogenes Lesen will zur Kenntnis nehmen, zur Sache kommen, fragt nach Bestimmtem und Bestimmbarem. Diesen Wunsch kann Literatur nur enttäuschen. Sie behandelt keine Themen, sie wälzt Stoffe. Diese erscheinen vorbewusst, näher am Amalgam, dem Schaum, der Brühe. Noch keine Instanz hat sie aufbereitet für den auf eiliges Verständnis drängenden Blick. »Jedes Buch, das
gedruckt wurde, ist doch für den Dichter ein Grab oder etwa nicht?«, bemerkt Robert Walser, als er zunehmend verstreut in Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Auch die Stoffe von Friedrich Dürrenmatt unterlaufen die Konvention herkömmlicher Entstehungsgeschichten: »Enden ist stets willkürlich, ein Aus-der-Hand-Geben, ein Verlieren schließlich, ein Vergessen, resignierend wie jedes Vergessen. Das noch nicht Geschriebene und das Unvollendete
dagegen gehören mir.«
Da ebenso viele Begriffe vom Stoff existieren, wie es Schreibende gibt, versammelt der vorliegende Band eine bunte Vielfalt an Konzeptionen, Visionen und Chronologien des Entstehens. Siebzehn Originalbeiträge von Autorinnen und Autoren aus der Schweiz zeigen unterschiedliche
Arten, wie aus Stoffen Werke werden, Wege, die zwischen Ungeschriebenem und Geschriebenem zurückgelegt werden. Das Interesse an den Tischgottheiten, Privatsalzen und
Herdgeistern, die der Entwicklung literarischer Werke Pate stehen, entdeckt eine Dialektik von Verschwinden und Erscheinen, Erleben und Erzählen – und auch den Umstand, dass fasziniert, was schwer fassbar bleibt. So handeln die hier versammelten Texte von Obsessionen, Bildern und Phänomenen, die nicht zu greifen sind, von denen es aber kein Loskommen gibt, bis sie Form angenommen haben. Aus solcher Unruhe geht die Vielheit an Tonlagen und Schreibweisen dieses Bandes hervor, der neue und bewährte literarische Stimmen durcheinander klingen lässt.
Das Interesse an der Stofflichkeit von Literatur, an den Quellen und Reizbarkeiten, aus denen sie entspringt, steht quer zu den ökonomischen und medialen Realitäten des Literaturbetriebs – und verbindet doch alle involvierten Akteure. Von Literatur handeln, heißt, ihre Verfasstheit, ihre Hintergründe und Bedingungen reflektieren. Dazu lädt diese Sammlung ein, für einmal nicht mittels Essays oder Gesprächen, sondern in Form von Erzählungen.
Michel Mettler und Reto Sorg

13. Juli 2020, Elisabeth Wandeler-Deck

Margret Kreidl, Wien, schenkte mir eines aus ihrer Serie von Akrosticha, die immer über das Wort «Gedicht» gebaut sind. Auf dem pdf dann der handschriftliche Hinweis «Hier hätte noch ein Schulterakrostichon Platz» – wir hatten einander von unserer je wehen Schulter berichtet. Ich versuchte also ein Schulterakrostichon für Margret Kreidl, gefolgt von einem eigenen Gedichtakrostichon.

02./06./07./08.05.2019; 07.07.2020

 

silbe senf sammle häutchen zaus. samt kein.
catering sämtlich jemanden schlitzohrig rau
hummle ein. etwas jemandem. sie. abgekartet.
umsonst umgrade fragezeichen. etwas es saus.
lausch. wimpere wimmern im fleisch zu. viel
turmaus. je jemander. sieh. sst. schrapp nelk au weh
er oder was bist du gradsaus. haus. ausser.
rrrrrrr. serifenwehen schon besser so. frass milben.

gestimmte quasi gern einzig
egal
da dort drum mit
innigster empfindung
casting noch heute der schönste
husch
take gelungen takt tal die träger betasten

 

Gottlieben, 2. Mai 2019, Annette Hug

Trobairitz – eine Heldin?

Der Titel des Projekts war schnell klar: «Trobadora» steht im Titel des Romans, um den es geht. Weil die Figuren selbst viel über Literatur nachdenken, nennen sie das Buch, in dem sie vorkommen, einen «operativen Montageroman». Ich war der Meinung, dass er viel enthält, was irgendwie weitergehen könnte. Deshalb heisst das Projekt «trobadora.montage».

Geschenk einer Leserin: Taschenbuchausgabe im Luchterhand-Verlag mit eingelegtem Zeitungsartikel.

Auf dem Weg zu einer Lesung in Gottlieben waren Johanna Lier und ich mit dem fahrbaren Requisitenkasten und Stehpult unterwegs. Ein kleines Mädchen las die Beschriftung und fragte: «Was ist eine Trobadora?» Johanna erzählte von Frauen, die im Mittelalter Lieder vorsangen. Ich glaube, sie sagte auch, dass diese Frauen Männer besangen, die sie besonders schön fanden. Auf der Heimfahrt, kurz vor Mitternacht, wollten dann mehrere Männer wissen, was eine Trobadora sei. Sie fragten auf Englisch, Spanisch oder Deutsch. Auch das Publikum in Gottlieben war gesprächig. Wir diskutierten zum Beispiel über den Epos und die Frage, ob Heldinnen und Helden, die ihre Gesellschaft verbessern wollen, in der Literatur überhaupt noch denkbar sind.

Johanna Lier, auf dem Weg an die Lesung im Literaturhaus Gottlieben, am 2. Mai 2019.

Drei Frauen hatten ihre Morgner-Ausgaben zur Lesung mitgebracht. Da war eine Erstausgabe im Aufbau-Verlag, 1974, und zwei Ausgaben aus dem Luchterhand-Verlag. Ich verstand nicht recht, weshalb mir eine der Frauen ihr Exemplar unbedingt schenken wollte. War sie überzeugt, dass sie das Buch nie mehr anschauen würde, wollte es aber irgendwo aufgehoben wissen? Jedenfalls nahm ich das Buch dankend an und fand darin einen Zeitungsartikel: «Weibliche Troubadoure». Es ist die Besprechung einer Ausstellung aus dem Jahr 1983 im Landesmuseum Hannover. Der Artikel enthielt Hinweise, die ich verfolgen wollte, und so wurde mir deutlich, wie viel seit dem ersten Erscheinen von Irmtraud Morgners Roman geforscht worden ist. Zum Beispiel haben Forscherinnen der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg die Webseite «Spielfrauen des Mittelalters» erarbeitet. Da findet sich auch die historische Gestalt Beatriz de Dia, die hinter der Titelfigur von Morgners «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» steht. Zu meiner Überraschung lernte ich auch, dass der Beruf der Minnesängerin auf Deutsch eigentlich Trobairitz heisst.

Mai und Juni 2019, Annette Hug

Kein Kanon? Die Kanon? Unser Kanon?

«Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten», schreibt Sibylle Berg im Vorwort der Seite diekanon.org. Immer neue Listen und Register berühmter Männer haben uns nicht gerettet, stellt sie fest. Es müssen neue Listen her. Mit weiteren Autorinnen arbeitet sie an einem Kanon wichtiger Frauen in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft.

«Der literarische Kanon. Ein Abgesang», hiess dagegen eine Aktion von Autorinnen am Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Das Stehpult des Trobadora-Projekts, das auch eine rollende Kiste ist, spielte bei dieser Aktion eine Nebenrolle. Wir trugen eine Bestenliste aus der Zeitung «Le Monde» vor: die Männernamen im Kanon, die Frauennamen im Gleichklang. «Marguerite Duras» und «Nathalie Sarraute» ragten aus einem kakophonischen Meer von Männernamen auf. Um nicht in diesem Meer zu versinken, lasen wir danach kurze Passagen von Lieblingsautorinnen vor. Da wir kaum geprobt hatten und spontan ein Schluss für den Kanon gefunden werden musste, tauchte plötzlich ein Slogan der Klimademos auf, leicht abgewandelt: «Wem sin Kanon? Oise Kanon!»

Das passte aber nicht zum Titel, also skandierten wir: «Wem sin Kanon? Kein Kanon!»

«Oise Kanon» hätte gut zur Webseite diekanon.org gepasst. Die Gruppe, die sich an einem Stammtisch der Autorinnengruppe RAUF getroffen hatte, um die Aktion am Frauenstreik vorzubereiten, war aber folgender Meinung: Es ist weder realistisch noch wünschbar, dass sich die literarische Öffentlichkeit auf einen Korpus der relevantesten Werke einigt. Die wenigsten von uns sind nur in einer Sprache zu Hause. Wir lesen in mehreren Sprachen und können in keiner einzigen den vollen Überblick behalten. Mit empfindlichen Lücken ist immer zu rechnen. Ausserdem wackelt die klare Abgrenzung von U- und E-Literatur zu Recht. In der realen Welt der Bücher müssen wir uns immer wieder neu darüber verständigen, was relevant ist, was anregt, weiterführt oder produktiv irritiert. Fixe Listen geben eine Ordnung vor, die kaum mehr relevant ist.

Aktion «Der literarische Kanon. Ein Abgesang» am Frauenstreik vom 14. Juni 2019, Stadelhoferplatz Zürich.

An der Vorbereitungssitzung der Buchhändlerinnen der Gewerkschaft syndicom, die gemeinsam mit den Autorinnen am Frauenstreik protestierten – und bei Orell Füssli eine Protestpause einlegten –, wurde aber deutlich, dass durchaus Ordnungen existieren und zwar ganz materiell: Regale mit unterschiedlichen Beschriftungen. «Klassiker», «Unterhaltung», «Beststeller». Vielleicht sogar «Frauenliteratur». Die Buchhändlerinnen, die am Frauenstreik protestierten, würden gern anders einordnen als vorgegeben. Wenn es nach ihnen ginge, würden in den Regalen mehr Titel von Autorinnen stehen. In den Regalen und Auslagen der Buchhandlungen verwandelt sich die Sehnsucht nach Leuchttürmen, von der Sibylle Berg schreibt, in eine harte ökonomische Ordnung.

An die Verwirrung, der diese Sehnsucht entspringt, erinnerten dieses Jahr die Jurydiskussionen des Bachmannpreises. In Klagenfurt wurde deutlich, dass bei zentralen Fragen der Literaturkritik gemeinsame Begriffe und Referenzen fehlen. Zum Beispiel wenn es darum geht, zu benennen, was gute Literatur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kann oder soll. Als die Jury darüber sprach, konnte ich mich selbst bei einer inneren Kehrtwende beobachten. Hatte ich in der Vorbereitung des Frauenstreiks noch die Position «Kein Kanon!» unterstützt, wollte ich nun ausrufen: «Hinter Ilse Aichinger, Ruth Klüger und Paul Celan kann man doch nicht zurückgehen!»

Wohin diese Gedanken führen, ist mir noch nicht klar. Geht es darum, die Machtfrage offen zu stellen und zu sagen, dass «wir» – wer immer wir genau sind – den Kanon neu festlegen wollen? Sibylle Berg scheint dafür zu plädieren, wenn sie «die Kanon» wie folgt beschreibt: «Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können.» Oder gewinnt die Literatur – und die Freundlichkeit –, wenn sich die Listen generell verflüssigen und Autoritäten wackeln? War vielleicht der musikalische Zugang der beste? Der Kanon ist ein Genre unter vielen und es wird immer viele davon geben: Längere, kürzere, schönere, traurige, dumme und kluge. Schon wollte ich schreiben: Und jede singt dann ihren Lieblingskanon. Aber mindestens vier Stimmen müssen sich schon finden, sonst wird das nichts.

Stiftung Fondation

Das Ziel von alit – Verein Literaturstiftung besteht darin, eine Literaturstiftung Schweiz zu gründen, die – losgelöst vom Verein – einzelne Projekte rund um das literarische Schaffen trägt und prägt.