Agenda

03.06.2026   19:30 UhrPhotobastei Zürich
Nächster Termin

Discours Agités #3 | Tradition der Heroinnen

Literarischer Salon für Andrea Simmen und Kristin T. Schnider. Mit Nadia Brügger, Valerie Meyer, Judith Keller und Kristin T. Schnider

In den 1990er Jahren mischten die beiden Schriftstellerinnen Andrea Simmen (1960–2005) und Kristin T. Schnider (*1960) den Schweizer Literaturbetrieb auf. Sie schrieben über herkömmliche Narrative hinweg, befragten politische und soziale Missstände und interessierten sich für marginalisierte Lebensrealitäten und Daseinsformen. Für beide blieb die Sprache ein Wagnis: Ihren Texten ging und geht es um ein Erzählen, das dem Ungesicherten gegenüber offenbleibt. Nadia Brügger und Valerie Meyer laden zum literarischen Salon für die beiden Autorinnen ein und fragen nach, was ihre Texte bis heute anzetteln und welchen unverzichtbaren Beitrag sie zur Traditionsbildung schreibender Frauen in der Schweiz geleistet haben. Neben Kurzlesungen aus den Texten sprechen sie mit Kristin T. Schnider sowie der Autorin Judith Keller, die für Simmens «Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts» (Reihe der Autor:innen / Wallstein) das Nachwort verfasst hat. Im Anschluss ist das Publikum eingeladen, auf der Grundlage eines von Brügger und Meyer in der Reihe «Discours Agités» erschienenen Essai zu Simmen und Schnider über Traditionslinien weiblichen Schreibens in der Schweiz zu debatieren.

Zu den Büchern: Andrea Simmens erstmals 1991 erschienenen Erzählungen «Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts» sind 2025 in der «Reihe der Autor:innen» neu herausgegeben worden. Die Neuauflage von Kristin T. Schniders Debüt «Die Kodiererin» (1989) ist für 2027 ebenfalls bei Wallstein geplant. 

Über die Projekte: Mit der «Reihe der Autor:innen» holen Alit und Wallstein ausgewählte Texte aus der Vergessenheit und machen sie der Öffentlichkeit (wieder) zugänglich.Im Rahmen von «Discours Agités» erscheinen im Verlauf des Jahres acht literarische Essais zum Zustand der Schweizer Literaturlandschaft in einem Newsletter. Jeder Essai wird an einer zugehörigen Veranstaltung debatiert, um den literarischen Diskur in der Schweiz zu fördern.

Vor der Veranstaltung in der Photobastei, findet um 17 Uhr die jährliche Mitgliederversammlung von «Alit – Netzwerk für Literatur» ebenfalls dort statt.

Fotocredits Keller: Ayse Yavas | Fotocredits Brügger/Meyer: Anja Fonseka | Fotocredits Schnider: Nadja Durisova

En coopération avec :

02.05.2026   15:00 Uhrxyz

Zürcher Literaturwerkstatt #2/26 | Discours Agités #2version francaise

xyz

Zürcher Literaturwerkstatt #2/26 | Discours Agités #2

En coopération avec :

07.03.2026   14:00 UhrLiteraturmuseum Strauhof

Discours Agités #1 | Zürcher Literaturwerkstatt 1/2026

Mit Sabine Haupt (Text), Eric Ehrhardt (Text), Anja Schmitter (Essai), Tatjana Hofmann, Maria-Lusie Tzikas und Lionel Hausherr

An den Zürcher Literaturwerkstätten werden in Arbeit befindliche Texte diskutiert. So wird sichtbar, was sich hinter der solitären Schreib- und Übersetzungsarbeit an literarischen Texten verbirgt: Fragen und Entscheidungen, mit denen in der Regel im Stillen gerungen wird, werden hier im Gespräch mit Kolleg*innen und dem Publikum reflektiert.In diesem Jahr kommt neu ein Essay der Diskurs-Veranstaltungsreihe "Discours Agités" hinzu, um der Schweizer Literaturlandschaft auf den Puls zu fühlen.Am 7. März mit folgenden Autor*innen:

Arzije Asani, Sphresa Jashari, Donat Blum, Dragica Rajčić Holzner, Demian Cornu und Anja Schmitter

En coopération avec :

17.05.2025   14:15 UhrLiteraturmuseum Strauhof

Zürcher Literaturwerkstatt 2/2025

Queer-Feminismus Special mit Virginia Woolf, Lisa Rothen, Seda Keskinkılıç, Anaïs Meier, Ulrike Ulrich, Liliane Studer, Monique Schwitter, Elisabeth Wandeler-Deck, Donat Blum und Rémi Jaccard

Mit in Arbeit befindlichen Text von Lisa Rothen und Seda Keskinkılıç. Im Gespräch mit Anaïs Meier, Ulrike Ulrich, Liliane Studer, Monique Schwitter und Elisabeth Wandeler-Deck. Sowie einer Führung durch die Ausstellung von Rémi Jaccard

14.15 Uhr: Führung

15 – 17.30 Uhr: Literaturwerkstatt

Eintritt frei

18.03.2025   19:00 UhrPhilosophicum, Basel

LyrikTalk im Philosophicum Basel

Daniel Henseler (Bern), Christine Langer (Ulm) und Walter Schüpbach (Adligenswil und Luzern) sprechen über ihre Gedichte. Moderation: Vera Schindler-Wunderlich (Allschwil)

Wie liest man eigentlich zeitgenössische Gedichte? Könnten sich bei näherem Hinsehen mehr Welten öffnen als erwartet? Auch in diesem Jahr sprechen bei uns drei Lyrikschaffende über dieses Thema. Sie wählen dazu je ein Gedicht der beiden anderen aus, das sie überrascht hat, fasziniert, provoziert und berichten von ihrer persönlichen Leseerfahrung. Das Publikum ist eingeladen zum Mitlesen (Handout), Mitdenken, Mitsprechen.

Termin: Dienstag, 18.3.2025, 19.00 Uhr

Ort: Philosophicum, St. Johanns-Vorstadt 19/21, 4056 Basel

Eintritt: CHF 15.– / 12.– (AHV/IV/Studierende/KulturLegi)

15.03.2025   15:00 UhrLiteraturhaus Zürich

Zürcher Literaturwerkstatt 1/2025

mit Stauffer, Rüegger, Bachmann, Gilles, Pichler

Zürcher Literaturwerkstatt mit Michael Stauffer, Julia Rüegger sowie den JULL-Extramundana- Autor*innen Stefan Bachmann, Chris Gilles und Lara Pichler

Seit 2007 diskutieren Schreibende und Lesende im Rahmen der Zürcher Literaturwerkstatt (ehemals «Teppich») in Arbeit befindliche Texte, regelmässig auch im Literaturhaus.

Zu Gast ist dieses Mal Michael Stauffer – er macht Prosa in allen Formen, ist Autor, Regisseur und Produzent von Hörspielen. Seit 2022 gibt es die JULL-Schreibgruppe Extramundana. Gegen 50 junge Fantasy-Schreibende aus der Deutschschweiz und Romandie haben bisher von Extramundana- Mentoraten profitiert und sind an Festivals oder Gruppenlesungen aufgetreten. Zwei von ihnen – Chris Gilles und Lara Pichler – bringen ihre Fantasy-Welten nun an die Zürcher Literaturwerkstatt, begleitet von ihrem Schreibcoach, dem Fantasy-Autor Stefan Bachmann.

Datum: Samstag, 15.3.2025, 15.00 Uhr, mit anschliessendem Apéro.

Ort: Literaturhaus Zürich, Debattierzimmer, 3. Stock, Limmatquai 62, 8001 Zürich.

Eintritt frei, Anmeldung unter info@literaturhaus.ch.

In Kooperation mit Alit – Netzwerk für Literatur und unterstützt durch Pro Litteris sowie Stadt und Kanton Zürich.

Discours Agités

"Discours Agités" ist eine Essai-Reihe zur Förderung des Literaturdiskurses. Namhafte Autor*innen setzten sich in einem Essais mit dem Zustand der Schweizer Literaturlandschaft auseineinander. An einer zugehörigen Veranstaltung kann dieser live mit der*dem Autor*in diskutiert werden. Die Essais erscheinen in unregelmässigen Abständen per Email und Ende Jahr gesammelt als Band bei EssaisAgités. Der online Versand kann hier kostenfrei abonniert werden. 

26.05.2026

Discours Agités #3: Wohin mit den Heroinnen?

von Valerie Meyer und Nadia Brügger

In Andrea Simmens Kurzgeschichte Die Heroin malt sich die Protagonistin auf einer Zugfahrt von Spanien in die Schweiz ohne Umschweife ihre Zukunft aus:

«Später werde ich in der Ahnengalerie des Landesmuseums hängen, grinsend in Jeans und stolz die Hellebarde haltend, traditionsbewusst, wir haben uns nie knechten lassen, auch nicht von Erfindern.» 

Schon in diesem Satz springt den Leser*innen Simmens trockener Witz entgegen. Der Gedanke an eine Ahnengalerie stellt uns, den Autorinnen dieses Essays, feierlich-ernste (Männer-)Gesichter vor Augen, alle sorgfältig gerahmt und in gleichen Abständen zueinander aufgehängt. Und dazwischen eine listig schauende Frau in einer Straight-Leg-Jeans, wie sie in den 1990er Jahren getragen wurde. Die Hellebarde mussten wir zuerst nachschlagen, um uns die mittelalterliche Waffe bildhaft vorstellen zu können: lang und spitzig ist sie, am liebsten haben die Schweizer von ihr Gebrauch gemacht. Die Protagonistin, wie Simmen sie ins Leben stellt, kommt gerade von ihrer Heldentat. Sie hat Carlos F., Fabrikbesitzer und Erfinder der Sardellenbüchse, als Geisel im Gepäck. Die Exposition deutet an, womit es die Leser*innen des Textes zu tun haben könnten: Simmen nimmt nationale Selbsterzählungen auf die Schippe, und die «männlich-frisch’schen (Erzähl-)Traditionen» (Schweikert 2005) mit ihrem ausgeprägten Heldenfetisch direkt mit. Sich selbst platziert die Heroin kurzerhand in der Ahnengalerie und wirft so die Frage auf, welche Personen und Taten als traditionsstiftend betrachtet werden.

Wir fahren also zusammen mit der Heroin im Zug Richtung Schweiz. Dort spielt auch der Erstlingsroman von Kristin T. Schnider, Die Kodiererin, dessen Protagonistin gleich zu Beginn sagt: 

«Ich nenne mich gar nichts. Ich bin nicht dies oder das. Eine kleine Angestellte bin ich in einem grossen Betrieb. Und brauchen sie mich unten, bin ich Läuferin, und stellen sie mich oben an die Schächte, bin ich Werferin, und ich bin, darauf bestehe ich, Kodiererin». 

Während die Protagonistin darauf besteht, eine Kodiererin zu sein, widerspricht ihr die Erzählinstanz – der auch die Funktion einer öffentlichen Wahrnehmung, einer gesellschaftlichen Instanz zukommt – und verweigert der Protagonistin deren selbstgewählte Bezeichnung: 

«Sie ist nicht wirklich eine Kodiererin. Das muss gleich klargestellt werden. […] Eintasterin könnte sie sich nennen. Mehr nicht.»

Sowohl Simmens als auch Schniders Protagonistin ... [weiter lesen]

20.04.2026

Discours Agités #2: Dazwischen

von Anja Schmitter

Zurzeit lebe ich in zwei Ländern. Wenn man zwei Wohnsitze hat, beschreibt man diesen Zustand gerne mit der Formulierung "Autor:in XY lebt und schreibt zwischen A und B". Genau genommen besteht dieses "Zwischen" aber nur aus einer Flugreise, auf der ich angestrengt zu schlafen versuche, um nicht völlig gerädert entweder in A oder in B anzukommen.

Statt "zwischen" handelt es sich also eher um ein "sowohl-hier-als-auch-dort". Trotzdem möchte ich mich nicht von der gängigen Formulierung verabschieden, denn das "Dazwischen" macht aktuell einen grossen Teil meines Lebensgefühls aus. Ort A ist für mich die Schweiz, Ort B Georgien – und ich lebe und schreibe dazwischen.

Als Mitorganisatorin von Discours Agités bin ich mit der Ausgangslage der Essai-Reihe vertraut: Die Hauptförderin Pro Helvetia ist der Eidgenossenschaft verpflichtet und wünscht sich einen Schwerpunkt auf der eigenen Literaturlandschaft – es sollten also Texte entstehen, die sich kritisch mit dem aktuellen literarischen Schaffen in der Schweiz oder mit einzelnen Aspekten davon auseinandersetzen.

Doch mir fällt es schwer, mich auf eine spezifisch schweizerische Thematik zu konzentrieren. Nicht nur aus meinem persönlichen Lebensgefühl heraus, weil ich mich "zwischen" den Orten fühle, sondern vor allem weil an dem Ort B ein Ausnahmezustand herrscht.

Dieser Ausnahmezustand dauert bereits anderthalb Jahre an, je nach dem, wann man die Zeitrechnung der neuen Normalität beginnen möchte. Im November 2024, ungefähr zur gleichen Zeit, als ich das erste Mal nach Tbilissi zog, brachen dort von einem Tag auf den anderen grosse Proteste aus. Auslöser war die Ankündigung der Regierungspartei "Georgischer Traum", die Bestrebung Georgiens, sich der EU anzuschliessen, erstmal auf Eis zu legen. Doch den Menschen ging es um Grundsätzlicheres: es ging – und geht auch heute noch – um die demokratische Zukunft ihrer Heimat.

Die Strassen waren voll mit friedlichen Demonstrierenden, auch Kinder und alte Menschen waren da. Doch bald kam es zu massiver Polizeigewalt, Demonstrierende schossen mit Feuerwerk auf das Parlamentsgebäude. Bilder von riesigen Wasserwerfern, wütenden und klatschnassen jungen Menschen, sprühenden Feuerwerkskörpern – Geschehnisse, die man auch in der Schweiz in den Medien verfolgen konnte. Trotz der Gewalt gab es Hoffnung: würde es einen friedlichen Regierungswechsel und faire Wahlen geben?

Dass man heute in westlichen Medien fast nichts mehr über Georgien liest, liegt nicht an der Erfüllung dieser Hoffnung, sondern daran, dass der "Georgische Traum" die Strategie geändert hat. Statt die Menschen auf offener Strasse zu schlagen, begann man sie zuhause zu verhaften. Die Gewalt bekam ein anderes Gesicht und in A wurde es wieder ruhig um das Land im Kaukasus. Doch das heisst nicht, dass in B alles in Ordnung ist. Im Gegenteil: Die Lage hat sich in rasantem Tempo verschlechtert.

An einem meiner beiden Wohnorte herrscht also eine Regierung, die immer autoritärer auftritt, die Demonstrierende und Oppositionelle verhaftet und täglich mit erstaunlicher Fantasie neue Gesetze erlässt, die die Demokratie nicht nur bedrohen, sondern zerstören.

Meine Gedanken kreisen: Wie schreibt man einen kulturpolitischen Text zu dem Thema, das einen am meisten bewegt – nämlich die Verhältnisse in Georgien – und trifft am Ende doch eine Aussage über die Schweiz? Die möglichen Schlussfolgerungen scheinen bereits klar, bevor ich mit dem Schreiben beginne: "Passt auf, auch unsere Demokratie ist nicht selbstverständlich." Oder: "Wir sind privilegiert, schaut mal, wie es woanders ist." Die Herausforderung aber ist, das Offensichtliche nicht zu wiederholen und dennoch über das Pendeln zwischen den Perspektiven und den damit verbundenen unterschiedlichen Schreibbedingungen zu sprechen.

Während ich über mögliche Formen nachdenke – etwa einen Dialog mit einer georgischen Schriftstellerin – werde ich von einer Nachricht unterbrochen, die mich in die Gegenwart an Ort B zurückholt. Schon wieder ein neues Gesetz. Genauer gesagt: die Erweiterung eines bestehenden.

Das sogenannte "Grant-Gesetz" betrifft die Finanzierung georgischer Institutionen und NGOs mit ausländischen Mitteln. Die Erweiterung lässt sich am besten mit einem Beispiel veranschaulichen: Wenn ich als ausländische Person eine georgische Person für die Mitarbeit an einem Projekt entschädige, das als staatskritisch ausgelegt wird, drohen beiden Seiten Strafen von bis zu sechs Jahren Haft. Es muss dabei nicht einmal Geld fliessen. Auch scheinbar banale Dinge – Schweizer Schokolade, Parisienne-Zigaretten – könnten als "Einflussnahme einer ausländischen Macht" gewertet werden.

Sechs Jahre Haft für die Beteiligung an einem Essai? Nach dem ersten Schock scheint die Bedrohung fast zu absurd, um wahr zu sein. Ich schreibe Freund:innen und Bekannten aus der georgischen Literaturszene an, frage nach Einschätzungen, versuche, mich zu orientieren – und denke gleichzeitig an meine Aufgabe, diesen Essai zu schreiben.

Bald darauf treffe ich mich mit einer georgischen Schriftstellerin und einem von der Regierung entlassenen Ex-Museumsdirektor und Literaturwissenschaftler. Sie sind gut gelaunt, machen Spässe, freuen sich über die Parisiennes.

Trotz Humor und witzigen Anekdoten sind die grosse Unsicherheit, die Perspektivlosigkeit und die damit verbundene Angst, der alltägliche Stress, wie es weitergehen soll, deutlich und äusserst deprimierend. Die Repressionen betreffen hier die gesamte Gesellschaft. Doch wie so häufig, wenn ein autoritäres Regime versucht, seine Macht zu sichern, begann auch die georgische Regierung als etwas vom Ersten die kulturelle Öffentlichkeit zu attackieren.

Am Beispiel der georgischen Literaturszene lässt sich erschreckend gut aufzeigen, wie Kunst und Kultur unter Kontrolle gebracht werden sollen. Zunächst werden ... hier weiterlesen

13.04.2026

Discours Agités #1: Plädoyer für eine herrschaftskritische Streitkultur

von Donat Blum

Uiuiui, leg dich nicht mit dieser oder jenem an! Brich keinen Streit vom Zaun. Auf keinen Fall öffentlich. Jemensch schrieb: «Würde ich sofort löschen, da genau gegen das gerichtet, was du in den letzten Jahren gepredigt hast, nämlich dass wir sorgfältig miteinander umgehen sollen.» Und eine andere Person an die Adresse der Trägerin von diesem Projekt hier gerichtet: „Will Alit so etwas wirklich mit einem Like unterstützen?“ Gemeint war ein offener Brief an Fatma Aydemir, den ich auf Instagram gepostet habe, weil sie sich zusammen mit fünf Jury-Kolleg*innen gegen die Förderung der Literaturzeitschrift „Glitter“ entschieden hat.

Ich weiss nicht, ob es allen Literaturschaffenden so geht, aber ich kriege oft kritische Rückmeldungen auf mein öffentliches Agieren – und das nicht erst seit dem literarischen Debattenband „Oh Boy“. Die meisten sind gut gemeint. Der Tenor oft: Beiss nicht die Hand, die dich füttert.

Aber auch selber wäge ich jeden Schritt an die Öffentlichkeit im Vorfeld sorgfältig ab. Überlege, was dafür und was dagegen spricht, mich zu Umständen, die ich als ungerecht empfinde, zu äussern. Und denke beispielsweise regelmässig darüber nach, meinen Instagram-Account zu löschen, um mich und andere – wie Fatma Aydemir – wenigstens etwas vor der Konfrontation mit der Ungerechtigkeit dieser Welt, zu der wir alle beitragen, zu schützen. Vor den auf Eindeutigkeit getrimmten Weltansichten, die in den polarisierten sozialen Medien nahezu ausschliesslich kundgetan werden, genauso wie vor dem Leid und der Gewalt in Gaza, im West-Jordanland, in den USA – je nachdem welchen Konflikt mir der Algorithmus gerade inflationär in den Feed spült.

Lass besser auf Netflix zwei, drei, vier, fünf Folgen „Everwood“ schauen, denke ich dann. Eine TV-Serie aus den Nullerjahren. Mich mit Dr. Andy in das Bergdorf in Colorado zurückziehen, das aussieht wie einer der Schweizer Wintersportorte, in denen ich als Kind ein, zwei Mal die Sportferien verbracht habe. Lass abtauchen in die Nostalgie der Jahrtausendwende, wo polarisierende Themen wie HIV, Bulimie, alleinerziehende Mutterschaft, Rassismus und Abtreibungen höchstens kurz angeschnitten und dann – auf Kosten der Betroffenen – wieder unter den Teppich gekehrt wurden.

Aber dann denke ich wieder: Wenn wir alle wegschauen, um uns vor Widerspruch zu drücken, wer schaut dann hin? Ist es nicht das, was Literatur, was Kunst, tun sollte: Hinschauen? Wirkmächte in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erfassen und aushalten? Herrschaftskritik üben? Erst recht in Zeiten, da Journalismus und Wissenschaften aufgrund kapitalistischer Abhängigkeiten mehr und mehr als vierte Gewalt wegbrechen?

Hat Banksy nicht recht, wenn er den mexikanischen Dichter César A. Cruz zitiert: „Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable“? Wie können wir aber Kunst machen, die Bequemlichkeit stört, wenn wir uns nicht selber dahin vorwagen, wo es unbequem wird? Hier weiter lesen

01.04.2026

Discours Agités – Online Essai- und Diskursveranstaltsungsreihe von Alit

von Vorstand Alit – Netzwerk für Literatur*en

In Kürze starten wir u.a. an dieser Stelle die achtteilige Essai-Reihe "Disocurs Agités":

"Discours Agités" ist eine Essai-Reihe zur Förderung des Literaturdiskurses. Namhafte Autor*innen setzten sich in einem Essais mit dem Zustand der Schweizer Literaturlandschaft auseineinander. An einer zugehörigen Veranstaltung kann dieser live mit der*dem Autor*in diskutiert werden. Die Essais erscheinen in unregelmässigen Abständen per Email und Ende Jahr gesammelt als Band bei EssaisAgités. Der online Versand kann hier kostenfrei abonniert werden.

10.03.2022

Verluste im Krieg

In Charkiv

vorige Woche

sind vor russischen Bomben

nicht nur Bewohner der Stadt gefallen.

Unter Getöteten

waren auch

Bürger von Russland

Dostojewski und Tolstoj…

In Kyiw

haben russische Raketen

eigene russische Bürger

Bulgakov und Brodski

tödlich getroffen…

Luftangriffe auf die Ukraine

haben das Bolschoj Theater

und die Russische Akademie der Künste

verpulvert…

Tschajkowski und Rachmaninow,

Prokofjew und Stravinski

sind davon

für immer und ewig

taub geworden…

Halyna Petrosanyak.

8.03.2022.

footer test

01.03.2022

Halyna Petrosanyak: Aus dem Zyklus „Liebesreigen“

 12.

 Rechne nicht

 mit meiner Zerbrechlichkeit,

 denn es ist

 die Brüchigkeit

 eines Steinbruches.

 Rechne nicht

 mit meiner Verletzlichkeit,

 denn es ist die Verletzlichkeit

 des Ackers.

 Verlasse dich nicht

 auf die Waffe,

 denn mich verwunden

 kann nur der,

 den ich liebe.

Aus dem eben erschienenen Band:  „Exophonien“

https://essaisagites.ch/Book/660/Petrosanyak

30.01.2021

«Schwund»

von Jens Nielsen

Das «Zäsur»-Buch aus der Reihe essais agités https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur ist vertont worden. Jens Nielsen gehört mit seinem Text «Schwund» zu den Gewinnern der SRF-Ausschreibung «Zehn kurze Geschichten zur langen Pandemie». Aus 168 Einsendungen wurden zehn ausgewählt und als Hörspiel produziert. Auf der Website von SRF ist «Schwund» nachzuhören https://bit.ly/3bCVWCe.

«Wo ist eigentlich

Wo ist hier alles

Diese Strasse

Diese Stadt

Ist das die richtige wo

Fragte ich mich

Und stutzte

Wie erwacht aus einem

Aber nicht im Bett

Ich stand am Strassenrand

In eleganter Kleidung

Frack

Und tadellose Schuhe

Ich hatte einen Stadtplan in der Hand

Er war ordentlich gefaltet

Aber alt und abgenutzt

Als wie von jahrelangem»

17.10.2020

Schwankende Gegenwart von Michael Stauffer

Michael Stauffer hat seinen Beitrag für das «Zäsur»-Buch https://essaisagites.ch/Book/368/Die_Z_sur in Sound rückübersetzt und zusammen mit Wolfgang Zwiauer, Adrien Oggier und Kevin Chesham performt. Hier auf Soundcloud ist er nachzuhören https://soundcloud.com/life-at-the-zoo/stauffer-oggier-zwiauer-chesham-5-8-20.

«Man kann nicht voraussagen, wie sich eine Gesellschaft entwickeln und verändern wird? Man kann nicht dabei zuschauen und dann sagen, aha, deshalb? Es ist immer Zufall, was aus einer Gesellschaft wird, und Glück? Eine Gesellschaft überwindet ihren mentalen Jetlag nie. Die Gesellschaft weiss, ob es reicht, wenn es ihr gut geht mit dem, was sie tut?»

22.09.2020

«Mag sein, dass wir uns nach der aktuellen Pandemie – beziehungsweise nach ihrer ersten Welle – besser verstehen werden. Was dieses Verstehen uns bringt, ob es uns irgendwo hinbringt, ist noch offen. Bleibt also womöglich nur das reine, folgenlose Begreifen. Es bleibt unser argwöhnischer Blick auf die neu in Gang gesetzten Menschenmassen an Seepromenaden, in Baumärkten und Bahnhöfen, auf Autobahnen. Es bleiben die unaufhaltsame Kraft der Unvernunft, der Wille zum Vergessen, die bedingungslose Hingabe an das Heute. Ja, das Heute gewinnt immer. Das Heute ist der Ort, zu dem alles hinführt – das Begreifen genauso wie die Taubheit, das Erinnern genauso wie das Vergessen. Einverstanden sein muss man damit nicht. Es zur Kenntnis zu nehmen, ist dennoch nicht das Schlechteste.»

Auszug aus: Jens Steiner: Das Heute gewinnt, in: Die Zäsur — Beobachtungen und Bedenken in Zeiten der Pandemie

*Von Jens Steiner ist eben erst ein neuer Roman erschienen: «Ameisen unterm Brennglas», Arche Verlag.

29.08.2020

Auszug aus: Parwana Amiri: Meine Worte brechen eure Grenzen. Briefe an die Welt aus Moria

von Parwana Amiri

Vierzehnter Brief

Was würdest du sagen, wenn du statt der Person, die du jetzt bist, eine der über 20’000 obdachlosen Geflüchteten wärst, die im Lager Moria leben, das sich im Winter in eine Hölle und im Sommer in die Wüste Sahara verwandelt?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du dich nach tagelangen Märschen durch Berge, Wälder, Täler und Wüsten, ohne Nahrung und Wasser, in der Kälte, ohne Decken und warme Kleider, aber voller Hoffnung, Europa zu erreichen, plötzlich hinter den Gefängnismauern von Moria wiederfändest, mit deinen zerbrochenen Träumen von Schlaf an einem warmen und sicheren Ort?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Was würdest du sagen, wenn du nachts frierend und ängstlich aufwachen, das Schreien deines kranken Kindes hören und deine Hilflosigkeit spüren würdest, weil du ihm nicht helfen kannst? Weil du nur um zwei Euro betteln könntest, um eine Busfahrkarte für die Fahrt ins Krankenhaus zu kaufen, damit sich nach endlosen Stunden des Wartens jemand um dein sterbendes Baby kümmert?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

(…)

Und was würdest du sagen, wenn du zuschauen müsstest, wie Mädchen ihre Körper verkaufen? Würdest du nicht auf diese Welt spucken wollen? Was würdest du sagen, wenn du länger als ein Jahr in diesem Gefängnis Moria ausharren müsstest, wobei dein einziges Verbrechen dein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz und dein Wunsch nach diesem kostbaren blauen Stempel* wäre, der dich als Geflüchtete anerkennen würde und deinen Traum wahr werden liesse?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn so einfache Dinge wie eine Heizung und Strom (den du brauchst, um dein Handy aufzuladen, damit du fünf Minuten mit deiner Familie sprechen kannst, die wissen will, ob du noch lebst oder in den Wellen den Tod gefunden hast), eine warme Decke, ein Zuhause, ein Mundvoll Nahrung, eine Tasse Tee zu unerreichbaren Wünschen würden, zu Dingen, die nur in den kühnsten Träumen zu haben wären?

Würdest du nicht deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien wollen?

Und was würdest du sagen, wenn du eine Handvoll Erde von Morias Grund aufheben und spüren würdest, wie sie schwächer als Asche wird, weil jede Nacht mehr als 20’000 obdachlose Menschen ihre ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinausschreien? Nur ein Herz kann ein anderes Herz trösten; die einzige Wärmequelle für ein Herz ist ein anderes Herz.

Was wirst du also tun? Was wirst du sagen?

Schreist du deine ganze Fassungslosigkeit in die Welt hinaus?

06.08.2020

Vorwort zur Anthologie „Dunkelkammern ‑ Geschichten vom Erscheinen und Verschwinden“ Berlin: Suhrkamp 2020

von Reto Sorg und Michel Mettler

Stoffe sind das, woraus Literatur entsteht. Gestaltlos zuerst, ein blosses Wollen, wachsen sie, werden dringlich und setzen das Schreiben in Gang. Wer Gedrucktes vor sich hat, sieht nur die Enden dieses Wollens. Dem Enden voraus geht meist ein langwieriges Suchen und Kreisen, ein Drehen und Wenden, ermüdend, anstachelnd, aufbauend, ernüchternd, begeisternd.

Die Formlosigkeit des Begriffs Stoff kommt nicht von ungefähr, denn Literatur entsteht ausserhalb von Büchern in wenig linearen Entwicklungen, in den Ankleideräumen, Maulwurfsbauten, Dunkelkammern, Turm- und Nebenzimmern der Imagination. Text: Hervorgegangen aus erwogenen und verworfenen Möglichkeiten, Varianten, Fassungen. Was davon lesbar wird, verbirgt Gespräche, Träume, Lektüren, Reisen und Sprünge, Risse und Schwindel – das lange Warten und schnelle Zünden, Revision und Zurückkommen. Das Buch und sein Anschein des Fertigen blenden diese Bewegungen aus. Wer einen Roman liest oder ein Gedicht, sieht nicht den Tumult, aus dem sie entstanden sind.

Aktualitätsbezogenes Lesen will zur Kenntnis nehmen, zur Sache kommen, fragt nach Bestimmtem und Bestimmbarem. Diesen Wunsch kann Literatur nur enttäuschen. Sie behandelt keine Themen, sie wälzt Stoffe. Diese erscheinen vorbewusst, näher am Amalgam, dem Schaum, der Brühe. Noch keine Instanz hat sie aufbereitet für den auf eiliges Verständnis drängenden Blick. »Jedes Buch, das gedruckt wurde, ist doch für den Dichter ein Grab oder etwa nicht?«, bemerkt Robert Walser, als er zunehmend verstreut in Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Auch die Stoffe von Friedrich Dürrenmatt unterlaufen die Konvention herkömmlicher Entstehungsgeschichten: »Enden ist stets willkürlich, ein Aus-der-Hand-Geben, ein Verlieren schliesslich, ein Vergessen, resignierend wie jedes Vergessen. Das noch nicht Geschriebene und das Unvollendete dagegen gehören mir.«

Da ebenso viele Begriffe vom Stoff existieren, wie es Schreibende gibt, versammelt der vorliegende Band eine bunte Vielfalt an Konzeptionen, Visionen und Chronologien des Entstehens. Siebzehn Originalbeiträge von Autorinnen und Autoren aus der Schweiz zeigen unterschiedliche Arten, wie aus Stoffen Werke werden, Wege, die zwischen Ungeschriebenem und Geschriebenem zurückgelegt werden. Das Interesse an den Tischgottheiten, Privatsalzen und Herdgeistern, die der Entwicklung literarischer Werke Pate stehen, entdeckt eine Dialektik von Verschwinden und Erscheinen, Erleben und Erzählen – und auch den Umstand, dass fasziniert, was schwer fassbar bleibt. So handeln die hier versammelten Texte von Obsessionen, Bildern und Phänomenen, die nicht zu greifen sind, von denen es aber kein Loskommen gibt, bis sie Form angenommen haben. Aus solcher Unruhe geht die Vielheit an Tonlagen und Schreibweisen dieses Bandes hervor, der neue und bewährte literarische Stimmen durcheinander klingen lässt.

Das Interesse an der Stofflichkeit von Literatur, an den Quellen und Reizbarkeiten, aus denen sie entspringt, steht quer zu den ökonomischen und medialen Realitäten des Literaturbetriebs – und verbindet doch alle involvierten Akteure. Von Literatur handeln, heisst, ihre Verfasstheit, ihre Hintergründe und Bedingungen reflektieren. Dazu lädt diese Sammlung ein, für einmal nicht mittels Essays oder Gesprächen, sondern in Form von Erzählungen.

Michel Mettler und Reto Sorg

13.07.2020

von Elisabeth Wandeler-Deck

Margret Kreidl, Wien, schenkte mir eines aus ihrer Serie von Akrosticha, die immer über das Wort «Gedicht» gebaut sind. Auf dem pdf dann der handschriftliche Hinweis «Hier hätte noch ein Schulterakrostichon Platz» – wir hatten einander von unserer je wehen Schulter berichtet. Ich versuchte also ein Schulterakrostichon für Margret Kreidl, gefolgt von einem eigenen Gedichtakrostichon.

02./06./07./08.05.2019; 07.07.2020

silbe senf sammle häutchen zaus. samt kein.

catering sämtlich jemanden schlitzohrig rau

hummle ein. etwas jemandem. sie. abgekartet.

umsonst umgrade fragezeichen. etwas es saus.

lausch. wimpere wimmern im fleisch zu. viel

turmaus. je jemander. sieh. sst. schrapp nelk au weh

er oder was bist du gradsaus. haus. ausser.

rrrrrrr. serifenwehen schon besser so. frass milben.

gestimmte quasi gern einzig

egal

da dort drum mit

innigster empfindung

casting noch heute der schönste

husch

take gelungen takt tal die träger betasten

02.05.2019

Trobairitz – eine Heldin?

von Annette Hug

Der Titel des Projekts war schnell klar: «Trobadora» steht im Titel des Romans, um den es geht. Weil die Figuren selbst viel über Literatur nachdenken, nennen sie das Buch, in dem sie vorkommen, einen «operativen Montageroman». Ich war der Meinung, dass er viel enthält, was irgendwie weitergehen könnte. Deshalb heisst das Projekt «trobadora.montage».

Geschenk einer Leserin: Taschenbuchausgabe im Luchterhand-Verlag mit eingelegtem Zeitungsartikel.

Geschenk einer Leserin: Taschenbuchausgabe im Luchterhand-Verlag mit eingelegtem Zeitungsartikel

Auf dem Weg zu einer Lesung in Gottlieben waren Johanna Lier und ich mit dem fahrbaren Requisitenkasten und Stehpult unterwegs. Ein kleines Mädchen las die Beschriftung und fragte: «Was ist eine Trobadora?» Johanna erzählte von Frauen, die im Mittelalter Lieder vorsangen. Ich glaube, sie sagte auch, dass diese Frauen Männer besangen, die sie besonders schön fanden. Auf der Heimfahrt, kurz vor Mitternacht, wollten dann mehrere Männer wissen, was eine Trobadora sei. Sie fragten auf Englisch, Spanisch oder Deutsch. Auch das Publikum in Gottlieben war gesprächig. Wir diskutierten zum Beispiel über den Epos und die Frage, ob Heldinnen und Helden, die ihre Gesellschaft verbessern wollen, in der Literatur überhaupt noch denkbar sind.

Johanna Lier, auf dem Weg an die Lesung im Literaturhaus Gottlieben, am 2. Mai 2019

Johanna Lier, auf dem Weg an die Lesung im Literaturhaus Gottlieben, am 2. Mai 2019.

Drei Frauen hatten ihre Morgner-Ausgaben zur Lesung mitgebracht. Da war eine Erstausgabe im Aufbau-Verlag, 1974, und zwei Ausgaben aus dem Luchterhand-Verlag. Ich verstand nicht recht, weshalb mir eine der Frauen ihr Exemplar unbedingt schenken wollte. War sie überzeugt, dass sie das Buch nie mehr anschauen würde, wollte es aber irgendwo aufgehoben wissen? Jedenfalls nahm ich das Buch dankend an und fand darin einen Zeitungsartikel: «Weibliche Troubadoure». Es ist die Besprechung einer Ausstellung aus dem Jahr 1983 im Landesmuseum Hannover. Der Artikel enthielt Hinweise, die ich verfolgen wollte, und so wurde mir deutlich, wie viel seit dem ersten Erscheinen von Irmtraud Morgners Roman geforscht worden ist. Zum Beispiel haben Forscherinnen der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg die Webseite «Spielfrauen des Mittelalters» erarbeitet. Da findet sich auch die historische Gestalt Beatriz de Dia, die hinter der Titelfigur von Morgners «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» steht. Zu meiner Überraschung lernte ich auch, dass der Beruf der Minnesängerin auf Deutsch eigentlich Trobairitz heisst.

01.05.2019

Kein Kanon? Die Kanon? Unser Kanon?

von Annette Hug

«Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten», schreibt Sibylle Berg im Vorwort der Seite diekanon.org. Immer neue Listen und Register berühmter Männer haben uns nicht gerettet, stellt sie fest. Es müssen neue Listen her. Mit weiteren Autorinnen arbeitet sie an einem Kanon wichtiger Frauen in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft.

«Der literarische Kanon. Ein Abgesang», hiess dagegen eine Aktion von Autorinnen am Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Das Stehpult des Trobadora-Projekts, das auch eine rollende Kiste ist, spielte bei dieser Aktion eine Nebenrolle. Wir trugen eine Bestenliste aus der Zeitung «Le Monde» vor: die Männernamen im Kanon, die Frauennamen im Gleichklang. «Marguerite Duras» und «Nathalie Sarraute» ragten aus einem kakophonischen Meer von Männernamen auf. Um nicht in diesem Meer zu versinken, lasen wir danach kurze Passagen von Lieblingsautorinnen vor. Da wir kaum geprobt hatten und spontan ein Schluss für den Kanon gefunden werden musste, tauchte plötzlich ein Slogan der Klimademos auf, leicht abgewandelt: «Wem sin Kanon? Oise Kanon!»

Das passte aber nicht zum Titel, also skandierten wir: «Wem sin Kanon? Kein Kanon!»

«Oise Kanon» hätte gut zur Webseite diekanon.org gepasst. Die Gruppe, die sich an einem Stammtisch der Autorinnengruppe RAUF getroffen hatte, um die Aktion am Frauenstreik vorzubereiten, war aber folgender Meinung: Es ist weder realistisch noch wünschbar, dass sich die literarische Öffentlichkeit auf einen Korpus der relevantesten Werke einigt. Die wenigsten von uns sind nur in einer Sprache zu Hause. Wir lesen in mehreren Sprachen und können in keiner einzigen den vollen Überblick behalten. Mit empfindlichen Lücken ist immer zu rechnen. Ausserdem wackelt die klare Abgrenzung von U- und E-Literatur zu Recht. In der realen Welt der Bücher müssen wir uns immer wieder neu darüber verständigen, was relevant ist, was anregt, weiterführt oder produktiv irritiert. Fixe Listen geben eine Ordnung vor, die kaum mehr relevant ist.

Aktion Der literarische Kanon. Ein Abgesang am Frauenstreik vom 14. Juni 2019, Stadelhoferplatz Zuerich

An der Vorbereitungssitzung der Buchhändlerinnen der Gewerkschaft syndicom, die gemeinsam mit den Autorinnen am Frauenstreik protestierten – und bei Orell Füssli eine Protestpause einlegten –, wurde aber deutlich, dass durchaus Ordnungen existieren und zwar ganz materiell: Regale mit unterschiedlichen Beschriftungen. «Klassiker», «Unterhaltung», «Beststeller». Vielleicht sogar «Frauenliteratur». Die Buchhändlerinnen, die am Frauenstreik protestierten, würden gern anders einordnen als vorgegeben. Wenn es nach ihnen ginge, würden in den Regalen mehr Titel von Autorinnen stehen. In den Regalen und Auslagen der Buchhandlungen verwandelt sich die Sehnsucht nach Leuchttürmen, von der Sibylle Berg schreibt, in eine harte ökonomische Ordnung.

An die Verwirrung, der diese Sehnsucht entspringt, erinnerten dieses Jahr die Jurydiskussionen des Bachmannpreises. In Klagenfurt wurde deutlich, dass bei zentralen Fragen der Literaturkritik gemeinsame Begriffe und Referenzen fehlen. Zum Beispiel wenn es darum geht, zu benennen, was gute Literatur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kann oder soll. Als die Jury darüber sprach, konnte ich mich selbst bei einer inneren Kehrtwende beobachten. Hatte ich in der Vorbereitung des Frauenstreiks noch die Position «Kein Kanon!» unterstützt, wollte ich nun ausrufen: «Hinter Ilse Aichinger, Ruth Klüger und Paul Celan kann man doch nicht zurückgehen!»

Wohin diese Gedanken führen, ist mir noch nicht klar. Geht es darum, die Machtfrage offen zu stellen und zu sagen, dass «wir» – wer immer wir genau sind – den Kanon neu festlegen wollen? Sibylle Berg scheint dafür zu plädieren, wenn sie «die Kanon» wie folgt beschreibt: «Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können.» Oder gewinnt die Literatur – und die Freundlichkeit –, wenn sich die Listen generell verflüssigen und Autoritäten wackeln? War vielleicht der musikalische Zugang der beste? Der Kanon ist ein Genre unter vielen und es wird immer viele davon geben: Längere, kürzere, schönere, traurige, dumme und kluge. Schon wollte ich schreiben: Und jede singt dann ihren Lieblingskanon. Aber mindestens vier Stimmen müssen sich schon finden, sonst wird das nichts.

Netzwerk

essais agités. Edition zu Fragen der Zeit

Publikationsreihe

La collection essais agités. Edition zu Fragen der Zeit est dédiée à l’essai critique. Elle tient des discours d’actualité, traque des sujets cachés et apporte des idées pertinentes au monde. Elle est partie prenante d’une réflexion mobile sur des questionnements actuels. La collection repose sur une application d’écriture développée par nos soins qui ajuste, avec un procédé automatisé, des textes au format de livre. Cette application permet d’éditer rapidement les textes sous divers formats variables et de les imprimer en Suisse. Les volumes apparaissent dans deux collections : comme livre de poche aux éditions Der Gesunde Menschenversand et comme chapbook on demand.

La collection est dirigée par une rédaction composée de Johanna Lier, Martin Zingg et Beat Mazenauer.

Discours Agités

Publikations- und Veranstaltungsreihe

"Discours Agités" ist eine Essay-Reihe zur Förderung des Literaturdiskurses. Namhafte Autor*innen setzten sich mit dem Zustand der Schweizer Literaturlandschaft auseineinander. An einer zugehörigen Veranstaltung wird ihr Essay live mit dem Publikum diskutiert. Im Verlauf des Jahres 2026 erscheinen insgesamt acht Texte, die schliesslich in einem EssaisAgités-Band zusammengeführt werden. Die online Ausgabe der Essays kann hier zusammen mit unserem Newsletter kostenfrei abonniert werden:

Restez informé·e

Dans notre newsletter, nous partageons à intervalles irréguliers des nouvelles de notre réseau pour la littérature. Cette année, la newsletter accompagne également la série d'essais «Discours Agités».

Vous pouvez vous désabonner à tout moment en cliquant sur le lien dans le pied de page de nos e-mails. Vous trouverez des informations sur nos pratiques de protection des données sur notre site.

Zürcher Literaturwerkstatt

Öffentliche Werkstattgespräche

An den Zürcher Literaturwerkstätten diskutieren Autor*innen in Arbeit befindliche Texte mit dem Publikum. Fragen und Entscheidungen, mit denen sonst im Stillen gerungen wird, werden im Gespräch reflektiert. So wird sichtbar, was sich hinter der oft solitären Schreibarbeit verbirgt. Die Texte und das eigene Schreiben wachsen im Austausch weiter.

Projektleitung: Anja Schmitter und Donat Blum

Kontakt: schweizerliteraturwerkstatt@alit.ch

Reihe der Autor:innen

Publikationsreihe

Die «Reihe der Autor:innen» ist eine Kooperation von Alit und Wallstein. Sie holt ausgewählte Texte aus der Vergessenheit und macht sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Gegenwartsautor*innen ordnen die Texte mit zugehörigen Essais ein und schlagen so die Brücke zum Literaturschaffen von Heute: zu den bisherige Bücher

LyrikTisch

Lyrikwerkstatt

LyrikTisch Zürich ist ein offenes Forum für Lyriker:innen, die den fachlichen Austausch suchen. Im Zentrum steht die gemeinsame Arbeit an Texten. Einmal im Monat bietet die Runde einen geschützten Raum, um Manuskripte „im Werden“ zu besprechen, methodische Fragen zu klären und die eigene poetische Stimme zu schärfen. Zwei mal  im Jahr werden die Lesungen offentlich. Die Treffen finden unter der Leitung von Dragica Rajčić Holzner statt und fördern einen tiefgehenden Dialog, der über bloße Textkritik hinausgeht.

Termin:

Jeden letzten Dienstag im Monat

Fokus:

Konstruktive Textanalyse und Vernetzung

Teilnahme:

Interessierte Lyriker:innen sind herzlich Willkommen

dragica@bluewin.ch

Hintergrund: Seit dem Wegbruch der Schweizer Lyrikeditionen zeigt sich, dass das stets prekäre Schreiben und Publizieren von Lyrik besonders bedroht ist. Lyrik gilt zunehmend als ,schwieriges', ,exklusivistisches' Genre, und diese Voreingenommenheit wirkt sich direkt auf die Verlagspraxis aus. Lyrik scheint immer weniger finanzierbar. Dass sich Gedichte aber besonders leicht erschliessen und einen unmittelbaren Zugang zu emotionalen und sinnlichen Aspekten der Welt und der menschlichen Existenz ermöglichen, will Lyrik Tisch deutlich machen. Die Diskussionen und Lesungen sind wichtige Prüfsteine für die Tragfähigkeit der neuen Texte und als Ort, wo ein aufgeschlossenes Publikum einen niederschwellig Zugang zum aktuellen Lyrikschaffen der Schweiz findet.

Weltenliteratur

Veranstaltungsreihe

Weltenliteratur — Made in Switzerland präsentiert Literatur von Autorinnen und Autoren, die in der Schweiz leben, aber keine Landessprache als Muttersprache sprechen und schreiben. Diese Werke werden oft übersehen und haben es schwer, einen Verlag zu finden.

Eingeladene Autor:innen treten in Gesprächen mit Übersetzer:innen und Verlagen auf und machen ihre Texte und Themen einem Publikum zugänglich. Lesungen und Diskussionen finden u. a. im Literaturhaus Gottlieben statt; eine virtuelle literarische Zeitschrift dokumentiert Originalarbeiten und Entstehungsprozesse.

Projektleitung: Annette Hug. Beteiligt sind u. a. Halyna Petrosanyak, Jens Nielsen, Parwana Amiri, Johanna Lier und Elisabeth Wandeler-Deck.

AUCTORarchiviert

Plattform

Das virtuelle Journal AUCTOR enthält Texte, die – oft noch unfertig – zu Diskussionen anregen möchten und Reaktionen hervorrufen. Literarische Texte sind ebenso erwünscht wie das Fabulieren ins Offene. Das Journal will weiter dokumentieren, wie Texte, Geschichten entstehen, welche Gedanken einer Idee folgen, wie Autorinnen und Autoren ein einzelnes Thema fokussieren und von verschiedenen Seiten beleuchten und wie Autorinnen und Autoren schreibend aufeinander Bezug nehmen. Das Projekt ist abgeschlossen. Die Texte finden sich in der mittleren Spalte dieser Website unter "Discours Agités".

Dunkelkammernarchiviert

Anthologie

Dunkelkammern — Geschichten vom Entstehen und Verschwinden ist eine Anthologie über den literarischen Stoff: darüber, wie Material sich zeigt oder verbirgt, wie Ideen entstehen und oft mit Vorgängen des Verschwindens im realen Leben einhergehen.

Die Herausgeber Reto Sorg und Michel Mettler betonen, dass Stoffe «ausserhalb von Büchern in wenig linearen Entwicklungen» entstehen — in den Ankleideräumen, Maulwurfsbauten und Dunkelkammern der Imagination. Das fertige Buch verbirgt diese Prozesse: Gespräche, Träume, Lektüren, Reisen, Revisionen.

Die siebzehn Originalbeiträge zeigen unterschiedliche Konzeptionen, wie aus Stoffen Werke werden — von Obsessionen und Bildern, die schwer fassbar bleiben, bis sie Form annehmen. Mit Beiträgen von Lukas Bärfuss, Michael Fehr, Christian Haller, Heinz Helle, Katarina Holländer, Hanna Johansen, Tom Kummer, Joël László, Gianna Molinari, Adolf Muschg, Melinda Nadj Abonji, Michail Schischkin, Monique Schwitter, Stefanie Sourlier, Raphael Urweider, Peter Weber und Dieter Zwicky.

Erschienen 2020 im Suhrkamp Verlag, Berlin. ISBN 978-3-518-47072-5.

Unsere Schweizarchiviert

Anthologie

Unsere Schweiz — Heimatbuch für Weltoffene hinterfragt das traditionelle Bild der Schweiz als Alpenidyll und stellt es einem differenzierten Portrait gegenüber: einer urbanen, lebendigen, weltoffenen Schweiz, geprägt von Mehrsprachigkeit, Vielfalt und Migrationsgeschichte.

50 Schweizer Autorinnen und Autoren aus Kultur und Politik reflektieren ihre eigenen Erfahrungen und kontrastieren sie mit idealisierten Darstellungen. Das Resultat ist ein facettenreiches Buch, das Heimat als Ort des Aufbruchs ebenso wie der Rückkehr beschreibt.

Alit übernimmt die Honorare der beteiligten Schriftsteller:innen.

Erschienen am 13. November 2019 im Zytglogge Verlag, Bern. ISBN 978-3-7296-5029-9.